Ärzte Zeitung, 20.12.2016
 

Versorgungsengpässe?

Ärzte setzen Rheuma-Portal auf

50 Prozent Unterdeckung in der Rheumatologie und Patienten, die zum Teil erst Jahre nach Beschwerdebeginn zum Spezialisten kamen: In Nordhrein hat ein Netzwerk aus Ärzten und Klinikern auf den Engpass reagiert – mit einem Online-Portal, das mehr kann als die schnelle Terminvergabe.

Von Katrin Berkenkopf

Ärzte setzen Rheuma-Portal auf

Palpation der Handgelenke beim Hausarzt: Beim Verdacht auf Rheuma können Patienten in Nordrhein über das Portal RhePort zeitnah einen Termin beim Rheumatologen erhalten. Herzstück ist ein spezieller Fragebogen.

© wildworx / fotolia.com

KÖLN. Kürzere Wartezeiten für Patienten, ein schnellerer Start der Behandlung und eine höhere spezifische Auslastung der Rheumatologen: Mit diesen Zielen startete im Februar 2015 in Nordrhein das Online-Portal RhePort zur rheumatologischen Versorgung. Nach fast zwei Jahren zieht Projektkoordinator Dr. Wolfgang Vorbrüggen eine positive Bilanz: "Wir können auch bundesweit ein gutes Modell sein."

Hinter RhePort stehen ein Netzwerk niedergelassener Rheumatologen aus den Kreisen Heinsberg und Düren, aus Mönchengladbach und der Städteregion Aachen sowie eine Rehaklinik und ein Krankenhaus. "Wir hatten 50 Prozent Unterdeckung in der Rheumatologie. Die Patienten mussten sechs bis neun Monate auf einen Termin warten", berichtet Vorbrüggen. Sie kamen im Schnitt erst ein bis fünf Jahre nach Beschwerdebeginn zum Rheumatologen und hatten dann bereits nicht rückbildungsfähige Folgeschäden.

Digital müssten die vorhandenen Ressourcen doch effektiver zu nutzen sein, dachten sich die Ärzte angesichts der unbefriedigenden Situation.

Termin in maximal vier Wochen

Daraus entstand RhePort. Über das Portal können Patienten, deren Hausärzte oder Orthopäden eine rheumatische Erkrankung vermuten, einen Termin beim Rheumatologen bekommen. Dazu müssen sie zunächst einen umfangreichen Online-Fragebogen ausfüllen. Mit dessen Hilfe sollen die Beschwerden des Patienten spezifiziert werden – so wird nach Art und Dauer von Gelenkschwellungen gefragt, aber auch nach anderen Schmerzen, Symptomen, Vorerkrankungen oder rheumatischen Erkrankungen im familiären Umfeld.

Der Patient erhält dann eine erste Einschätzung, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass es sich um eine entzündliche rheumatische Erkrankung handelt. Ist diese nicht auszuschließen, erhält er Terminvorschläge von niedergelassenen Rheumatologen mit einem Vorlauf von maximal vier Wochen.

80 Prozent der Patienten füllen den Online-Fragebogen selbst aus, berichtet Vorbrüggen, nur ein kleiner Teil nimmt die Hilfe der überweisenden Praxis in Anspruch. Stellt sich der Patient dann beim Rheumatologen vor, hat dieser aufgrund des Fragebogens schon eine erste Einschätzung. Manche der beteiligten Fachärzte vergeben ihre Termine deshalb nur noch über das Portal, berichtet Vorbrüggen, weil das die Behandlung effektiver macht.

E-Fallakte für jeden Patienten

Für jeden Patienten wird eine elektronische Fallakte angelegt, in der alle Diagnosen und Behandlungen dokumentiert sind. Bei den Institutionen, die an dem Netzwerk beteiligt sind, gibt es damit auch sektorübergreifend keinen Informationsverlust, Doppeluntersuchungen werden vermieden und am Ende auch Kosten gespart. "Das war eine Menge Arbeit", so Projektkoordinator Vorbrüggen über die Erarbeitung der Dokumentationsstandards. "Es musste ja nicht nur wissenschaftlichen Kriterien genügen, sondern auch in der Praxis umzusetzen sein."

Bis Ende Oktober 2016 hatte das Portal 1456 registrierte Anwender und 985 Arzttermine vermittelt. "Die Zahlen sind sehr ermutigend, und das ganz ohne Werbung", freut sich Vorbrüggen. Im nächsten Schritt arbeiten die Portal-Betreiber an einer Erhöhung der Spezifizität – je nach Praxis handelt es sich bei 35 bis 65 Prozent der vermittelten Fälle tatsächlich um entzündliche rheumatische Erkrankungen. Um die Quote zu erhöhen, wird das Fragebogen-System jetzt umgestellt. Nutzer müssen sich künftig erst registrieren und können dann den Fragebogen zur Abschätzung der Wahrscheinlichkeit nur einmal ausfüllen. Denn laut Vorbrüggen habe es auch Fälle gegeben, in denen Patienten den Fragebogen wegen ihres hohen Leidensdrucks so lange veränderten, bis die gewünschte Wahrscheinlichkeit und ein Termin beim Rheumatologen erreicht waren

Die anfängliche Förderung von RhePort durch das Land Nordrhein-Westfalen und EFRE-Mittel der EU ist mittlerweile ausgelaufen. Die Initiatoren bemühen sich um eine alternative Finanzierung, etwa durch das Sponsoring von Pharmafirmen. Außerdem soll sich RhePort über seine bisherigen regionalen Grenzen hinweg ausdehnen. "Der Zuspruch sagt uns, dass dies das Versorgungsmodell der Zukunft ist", meint Vorbrüggen. Der Patient werde in die Verantwortung genommen, der Arzt von administrativer Arbeit entlastet, Informationsverluste würden vermieden und die Kosten mittels IT verringert..

985

termine

beim Rheumatologen konnten seit dem Start des Online-Portals RhePort im Februar 2015 in Nordrhein vermittelt werden (Stand Ende Oktober 2016).

Der Weg zum Rheuma-Portal:

http://www.rheport.de/

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