Ärzte Zeitung online, 25.08.2017
 

Prävention

Impfhelfer Praxissoftware

Impflücken können im stressigen Praxisalltag schnell untergehen. Hilfe bietet hier die Praxissoftware: Mit automatischen Impferinnerungen, virtuellem Lagersystem und Abrechnungstools.

Von Rebekka Höhl

Impfhelfer Praxissoftware

Moderne Impfmanagementsysteme filtern automatisch fällige Impftermine bei Patienten heraus.

© Rawpixel.com / stock.adobe.com

NEU-ISENBURG. Die Masern-Epidemie 2015 in Berlin hatte die Öffentlichkeit kurzfristig in Sachen Impfen wachgerüttelt – nicht unbedingt die Impfgegner, aber zumindest die Impfmuffel und auch die Politik. Im Präventionsgesetz hat die Bundesregierung etwa festgeschrieben, dass der Impfstatus künftig bei allen Routine-Gesundheitsuntersuchungen überprüft werden soll – und damit vor allem die Ärzte in die Pflicht genommen.

Keine leichte Aufgabe, betrachtet man die Tatsache, dass der Impfausweis nach wie vor in Papierform als unhandliches gelbes Heftchen geführt wird. Unterstützung bietet Ärzten und ihren Teams hier die Praxis-EDV. Denn neben dem präventiven Nutzen der Impfung hat diese für die Praxis noch einen Vorteil: Das Honorar fließt extrabudgetär.

Externe Expertise ist gefragt

Studie belegt Nutzen

» Forscher ließen von Oktober 2010 bis September 2011 in insgesamt 110 Hausarztpraxen 619.798 Impf-Datensätze (Impfpasseinträge) von 133.559 Patienten erfassen und werteten diese im Vergleich zu den Daten vor Einsatz der Impfsoftware anonymisiert aus. Anschließend lief die Studie weiter.

» Zur Auswertung kamen dabei nur die als vollständig dokumentiert gekennzeichneten elektronischen Impfpässe von Patienten mit den Diagnosen Diabetes mellitus, COPD, Asthma bronchiale oder KHK.

» Die Influenza-Impfquote lag in der Altersgruppe 18 bis 60 Jahre (mit mindestens einer Influenza-Impfung) zu Beginn der Software-Nutzung im Schnitt bei 12 bis 16 Prozent. Im ersten Jahr nach dem Einsatz der Software stieg sie auf 32 bis 59 Prozent und im weiteren Verlauf der Jahre sogar auf ein Niveau von knapp unter 70 Prozent.

» In der Altersgruppe 60 bis 90 Jahre bewegten sich die Raten mit mindestens einer Influenza-Impfung zu Beginn der Software-Nutzung im Schnitt zwischen 19 und 23 Prozent. Im ersten Jahr erreichten sie 65 bis 67 Prozent und im weiteren Studienverlauf 85 bis 90 Prozent.

U. Schuler, H.- J. Schrörs, J. Schelling; Umsetzung von STIKO-Empfehlungen bei Patienten mit chronischen Erkrankungen mittels spezifischer Impfsoftware; LMU-Newsletter 2/2013

Deshalb gehört ein Impfmanagement-Modul mittlerweile zu fast jedem Arztinformationssystem (AIS). Dabei gehen die Softwarehäuser allerdings ganz unterschiedlich mit der Problematik um: Neben Eigenentwicklungen setzen viele Anbieter auf die Integration externer Impfsysteme – denn das Thema ist mit vielen regionalen Sonderregelungen belegt.

Vor allem zwei Systeme finden sich in den AIS: ImpfDoc-NE der GZIM – Gesellschaft zur Förderung der Impfmedizin mbH und Impfmodul der WKB-Systempartner GmbH – übrigens beides Nachfolger des früheren Programms Impf-doc.

Wie ausgefeilt solche Impfsysteme sind, zeigt das Beispiel ImpfDoc-NE. Ist das System vom PVS-Anbieter tief in die Software integriert, wird bereits beim Öffnen der elektronischen Patientenkartei der Impfstatus erhoben und Impflücken werden durch ein Ampelsystem angezeigt, erklärt Indamed.

Das Unternehmen hat ImpfDoc-NE an seine Software Medical Office angedockt. Ähnliches berichtet auch Marcus Krüger, Bereichsleiter Marketing bei der Epikur Software & IT-Service GmbH & Co. KG, für die gleichnamige Praxissoftware.

Außerdem werde ein Impfplan errechnet. Dies geschieht laut Dr. med. Hans-J. Schrörs von der GZIM automatisch. Hierbei fließen nicht nur die aktuellen STIKO-Empfehlungen in den Impfplan ein, im System sind ebenso die aktuellen GBA-Beschlüsse, Länderempfehlungen und natürlich gesetzliche Vorgaben sowie aktuelle evidenzbasierte Infos zu den Impfstoffen hinterlegt.

Nicht nur für Windows-Rechner

ImpfDoc-NE wurde in den letzten drei Jahren neu entwickelt. Unterstützung gab es hierbei von einem anderen Softwarehaus, der Zollsoft GmbH. Denn das selbst noch junge Softwarehaus suchte nach einem Impfmodul für seine auf Apple-Rechner ausgelegte Arztsoftware tomedo. "Anfang 2014 häuften sich bei uns die Anfragen von Allgemeinmedizinern und Kinderärzten nach einer Möglichkeit, durchgeführte Impfungen strukturiert zu erfassen und automatisierte Hinweise auf fällige Impfungen zu geben", berichtet Zollsoft-Geschäftsführer Johannes Zollmann.

Das Unternehmen habe recht schnell ein "rudimentäres Impfmodul" entwickelt, das es auch heute noch gibt. Damit lassen sich durchgeführte Impfungen inkl. Impfstoff und Chargen erfassen. Aber die vielen komplexen Regeln beim Impfen – eben mit regionalen Impfvereinbarungen – ließen sich nicht einfach mal schnell umsetzen. Auf der Suche nach einem externen Partner stieß das Unternehmen damals auf "Impf-doc", den Vorgänger von ImpfDoc-NE und Impfmodul.

Das System war aber nur für Windows-Rechner gebaut und etwas in die Jahre gekommen, so Zollmann. Im Auftrag und in enger Zusammenarbeit mit Dr. Schrörs habe man sich dann im Frühjahr 2014 an die Neuentwicklung gemacht.

Die neue Version sei neben Windows auch unter Mac und Linux einsetzbar. "Die Schnittstellen sind bewusst so gebaut, dass eine sehr nahtlose Integration in alle Arztinformationssysteme möglich ist", sagt Zollmann.

"Es sind alle Satzungsleistungen drin", erläutert Schrörs. Neben den regionalen Impfvereinbarungen zwischen KVen und Kassen werden aber auch Zusatzleistungen der Kassen – etwa beim Thema Reisemedizin abgebildet. Die Satzungsleistungen werden automatisch per Betriebsstättennummer gefunden, die Zusatzleistungen anhand der jeweiligen Krankenkasse.

Automatische an das Infosystem übertragen

Nach der Impfung werden die entsprechenden Abrechnungsziffern und Diagnosen automatisch ans Arztinformationssystem übertragen, bestätigen Johannes Zollmann und das Softwarehaus Indamed. Auch bei der Lagerhaltung unterstützt das System: Getrennt nach Kassen-, Privat- oder Patientenimpfstoff werden der Warenbestand und ausstehende Lieferungen angezeigt, dabei kann die Praxis Regeln für ein Minimum an Lagerbestand vorgeben, ab dem dann ein Bestellhinweis erfolgt. Optional kann zusätzlich eine Anbindung ans Warenwirtschaftssystem der Lieferapotheke erfolgen.

Bei "WKB-Impfmodul" läuft das ganz ähnlich: Das Modul lässt sich über ein Symbol in die Praxiskartei integrieren, dadurch können direkt aus der Akte einzelne Funktionalitäten oder das komplette Impfmodul aufgerufen werden, wie Lars Wichmann, Geschäftsführer der Frey ADV GmbH erklärt.

Das Softwarehaus bietet "Impfmodul" als eine Möglichkeit des Impfmanagements in seinem System Quincy an. Zusätzlich hat die Frey ADV GmbH aber – als eines der wenigen Häuser – auch eine eigene, für seine Anwender kostenfreie Impfverwaltung aufgelegt.

Damit ist eine Übersicht aller offenen Impftermine für einzelne oder alle Patienten möglich – inkl. Serienbrieffunktion für das Recall-Schreiben. In einem Farbsystem werden erfolgte, künftige und nicht wahrgenommene Impftermine angezeigt. Und auch hier lassen sich Impftermine nach der einmaligen Erfassung automatisch berechnen.

E-Impfpass in greifbarer Nähe

Die elektronische Anbindung der Patienten ist leider noch Zukunftsmusik. Der Software-Anbieter medatixx hat für seine Systeme über die Patienten-App x.patient immerhin schon die Möglichkeit, Patienten via App Freitextnachrichten zu fälligen Impfungen zu senden.

ImpfDoc-NE ist sogar laut Dr. Schrörs kompatibel mit der elektronischen Gesundheitskarte (eGK), also einsatzbereit, wenn die gesetzlichen Regeln es erlauben.

Gemeinsam mit der gevko, einer Tochtergesellschaft der AOK, hat das Unternehmen bereits eine E-Impfpass-Schnittstelle bei der gematik, der Betreibergesellschaft der Datenautobahn der eGK, für das sogenannte Interoperabilitätsverzeichnis eingereicht. Damit rückt der elektronische Impfausweis in greifbare Nähe.

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