Ärzte Zeitung, 20.06.2010
 

Hintergrund

Gesundheitstourismus wird zum Geschäftsmodell

Wenn sich Medizin und Tourismus zusammentun, profitieren alle davon - Ärzte, Hotels und Urlauber.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Altert die Bevölkerung, dann verschieben sich die Gewichte in der medizinischen Versorgung. Darüber wird viel geredet und geschrieben. Weniger thematisiert wurde bisher, dass der demografische Wandel auch das Urlaubsverhalten beeinflusst: Eine steigende Zahl älterer Menschen geht einher mit einer steigenden Zahl chronisch kranker Urlauber mit entsprechenden medizinischen Bedürfnissen. Auf der anderen Seite erhöht die mit Globalisierung, demografischem Wandel und Technisierung zusammenhängende Effizienzkultur auch in der gesunden Bevölkerung das Bedürfnis danach, im Urlaub etwas für die Gesundheit zu tun.

Dass Gesundheit für die Deutschen im Urlaub immer wichtiger wird, zeigen Umfragen seit Jahren. Doch hält das Angebot mit der Nachfrage Schritt? Um sich hier einen Überblick zu verschaffen und um die Kooperation von Medizin- und Tourismusbranche voran zu bringen, hat der Deutsche Tourismus-Verband (DTV) mit Fördergeldern des Bundeswirtschaftsministeriums das Projekt "Innovativer Gesundheitstourismus in Deutschland" gestartet.

"Ziel ist es, Best Practice-Beispiele zu sammeln und auszuwerten", sagte Cornelius Obier, Leiter des Analystenbüros Project M, das mit der Ausführung beauftragt wurde. Die gesammelten Beispiele und insgesamt neun regionale Zukunftskonferenzen sollen Anregungen schaffen, die den Gesundheitstourismus in Deutschland insgesamt voranbringen.

Chancen für Anbieter sieht Obier dabei in unterschiedlichen Bereichen. So rücke das Thema medizinische Sicherheit stärker in den Blick, wenn das Alter der Urlauber steigt. Urlaubsorte, die eine barrierefreie Infrastruktur und komfortabel zugängliche medizinische Dienstleistungen anbieten können, haben die Nase vorn. Ein Wettbewerbsvorteil sein kann auch eine medizinisch-therapeutische Begleitung und gegebenenfalls Überwachung, etwa durch telemedizinische Lösungen. Interessant seien ferner Angebote, die indikationsspezifische Programme für die Sekundärprävention bieten.

Der Arzt Dr. Andreas Keck von dem Beratungsunternehmen Keck Medical stellte in Potsdam einige innovative Urlaubsangebote mit betont medizinischen Ansatz vor. So verbindet das Herz-Kreislauf-Zentrum Gross Gerungs einen Urlaub im österreichischen Waldviertel mit kardiovaskulär ausgerichteten Selbstzahler-Programmen. "Das Besondere ist, dass über den weit verbreiteten Check-up hinaus ein kardiovaskulär ausgerichtetes Gesundheits-Coaching angeboten wird, das die Erkenntnisse aus der individuellen Diagnostik aufgreift", so Keck.

Kardiovaskulär ausgerichtete Urlaubsangebote funktionieren sowohl in Primär- als auch in der Sekundärprävention. Das Projekt "GesundheitsPfade Wanderherz" in Bad Rothenfelde, eine Kooperation der Schüchtermann-Klinik mit den örtlichen Tourismus- und Kurbehörden, richtet sich mit eigens konzipierten Wanderwegen an Koronarpatienten. Vom Check-up-Ergebnis hängt ab, welche Wege empfohlen werden. Geschulte Gesundheits-Wanderführer begleiten die Wanderer. "Auch hier zeigt sich, dass Angebote dann erfolgreich sind, wenn sie die Diagnostik in Lebensstilmodifikationen übersetzen", so Keck.

Der geistigen Gesundheit widmet sich der "mentale Gesundheitstourismus", ein Bereich, der in Deutschland noch unterentwickelt sei, wie Obier betonte. Einer der Vorreiter ist die IchZeit in Rheinland Pfalz. Hier haben sich diverse Hotels zusammen getan und bieten Entspannungs- und Wellness-Pakete unter Einbeziehung von Ernährungsberatung, Rückenschulung und Stressreduktion an. Solche Angebote seien auch deswegen interessant, weil über eine Art "E-Health-Coaching" eine medizinisch-psychologische Nachbetreuung nach Urlaubsende möglich ist.

Explizit auf das Aussehen zielen schließlich Urlaubsangebote zur "Performance-Optimierung". Hier mischen bereits große Reisekonzerne mit. So gibt es eine Kooperation zwischen der TUI und der Klinikkette Clinic im Centrum, bei denen Botulinumtoxin-Behandlungen, Mikrodermabrasionen oder Lipomassagen in ansprechendem Urlaubsambiente gebucht werden können.
"Insgesamt müssen wir sagen, dass das Potenzial des Gesundheitstourismus in Deutschland bei weitem noch nicht gehoben ist", so Keck. Erfolgreiche Angebote seien gekennzeichnet durch eine enge Kooperation zwischen Medizinbetrieb und Hotellerie. "Für internationale Gäste darf es außerdem keinerlei Sprachbarrieren geben, das ist ganz wichtig", ergänzt er das Anforderungsprofil an solche Vorhaben.

www.innovativer-gesundheitstourismus.de

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