Todesfalle Patient?

Ein Rentner ermordet zwei Ärzte. Auch wenn es ein extremes Einzelereignis sein dürfte, warnen Verbände bereits, Ärzte seien besonders von Gewalt betroffen. Doch wenn überhaupt, dann müssen sich Ärzte vor jungen Suchtkranken fürchten.

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Trauer in Weilerbach, nachdem ein Patient zwei Ärzte ermordet hat.

Trauer in Weilerbach, nachdem ein Patient zwei Ärzte ermordet hat.

© dpa

MÜNCHEN (mut). Was in dem kleinen Ort in der Pfalz geschah, passt so gar nicht in das übliche Schema: Ein 78-jähriger Rentner, der zuvor kaum auffällig war, erschießt ohne Vorwarnung zwei Ärzte.

Ohne den Fall genau zu kennen, lassen sich daraus kaum Lehren ziehen, berichtet der forensische Psychiater Professor Norbert Nedopil aus München.

Doch auch wenn solche Morde extreme Einzelereignisse sind, haben Ärzte durchaus ein erhöhtes Risiko, Opfer von Gewalt zu werden. So geschehen die meisten Gewalttaten im nahen Umfeld der Täter, also in Familie, Bekannten- und Freundeskreis.

"Ärzte gehören ebenfalls ins nahe Umfeld von Menschen, besonders, wenn diese sonst kein anderes haben", sagte Nedopil zur "Ärzte Zeitung". Der Arzt sei dabei ein Vertrauter des Patienten, "er wird von ihm in eine gewisse Position gehoben".

Nedopil: "Wenn der Arzt diese Position enttäuscht oder ihr nicht gerecht wird, und der Patient seine Impulse nicht ausreichend kontrollieren kann, dann ist die Gefahr groß, dass es zu Übergriffen kommt."

Psychisch Kranken nicht Unrecht tun

In der Regel bestehe diese Gefahr am ehesten bei jungen Suchtkranken oder bei Patienten, die zuvor schon gewalttätig waren. Bei einem älteren Täter seien eher paranoide Vorstellungen oder Störungen der Impulskontrolle zu vermuten.

Diese könnten etwa bei einer frontotemporalen Demenz (FTD) auftreten, was aber nicht bedeute, dass man nun keinen FTD-Patienten mehr ohne Begleitung in die Praxis lassen solle.

Auch psychisch Kranken würde man Unrecht tun, so Nedopil, wenn man sie pauschal als gefährlich einstuft. "Von depressiven Frauen geht nun gewiss keine Gefahr aus."

Ein Risiko bestehe dagegen bei querulatorischen schizoiden und paranoiden Menschen, so Nedopil, und zwar dann, wenn noch andere Risikofaktoren hinzukommen, vor allem Alkohol- und Drogenmissbrauch oder eine dissoziative Persönlichkeitsstörung. "Das sind insgesamt aber sehr wenige Menschen."

Dass vor allem der Drogenmissbrauch das Gewaltpotenzial bei Schizophrenie erhöht, bestätigt auch eine schwedische Studie mit 8000 Schizophreniekranken. Von diesen wurden 13,2 Prozent in den schwedischen Strafregistern wiederentdeckt, aber nur 5,3 Prozent einer Kontrollgruppe.

Ließ man die Patienten mit Drogenproblemen weg, war der Anteil der Straffälligen unter den Schizophreniepatienten nur noch wenig erhöht (8,5 Prozent).

Verfälschte Statistiken

Dagegen waren knapp 28 Prozent der Schizophreniekranken mit Drogenproblemen aufgrund von Mord, Raubüberfall, Brandstiftung, Sexualverbrechen oder Drohungen verurteilt worden (JAMA 2009; 301: 2016-23).

Dies spricht dafür, dass letztlich nur von einer Untergruppe der Schizophreniekranken eine erhöhte Gefahr ausgeht.

Allerdings besteht die Gefahr, dass man bei Gewaltverbrechern im Nachhinein eine psychische Erkrankung als Erklärung heranzieht. Ob der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik tatsächlich eine Schizophrenie hat, wird von vielen Psychiatern bezweifelt.

Dass Schwerverbrechern in Deutschland von Juristen oft per se eine psychische Krankheit attestiert wird, um sie nach den neuen Regelungen sicherungsverwahren zu können, dürfte Statistiken zur Kriminalität unter psychisch Kranken ebenfalls verfälschen.

Der Tathergang selbst lasse kaum Rückschlüsse zu, ob jemand eine Schizophrenie hat oder nicht, so der Psychiater Nedopil. Das müsse man letztlich unabhängig davon untersuchen.

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