Ärzte Zeitung, 12.06.2013
 

Preisgekrönt

Bremer Hausärzte setzen auf den Fragebogen

Mit dem dritten Preis ist das Bremer Vorsorgekonzept beim Berliner Gesundheitspreis der AOK prämiert worden. Im Praxisalltag hat sich der neue Ansatz bereits bewährt.

Von Christian Beneker

aerztin-paxe-AH.jpg

Ein altersgerechter Fragebogen soll Bremer Hausärzte im Patientengespräch unterstützen.

© Robert Kneschke/fotolia.com

BREMEN/BERLIN. Preisgekrönte Vorsorge: Das "Bremer Vorsorgekonzept" hat den dritten Preis beim Berliner Gesundheitspreis der AOK gewonnen.

Entwickelt wurde es von den drei wissenschaftlich und in der Fortbildung engagierten Bremer Hausärzten Günther Egidi, Jürgen Biesewig-Siebenmorgen und Guido Schmiemann. Der Ausschreibung stand unter dem Motto: "Wie kommt Wissen in die Praxis?"

Das Bremer Konzept war hinsichtlich seiner Machbarkeit in 17 Hausarztpraxen der Hansestadt erprobt worden. "Die Ergebnisse sind hoch befriedigend", sagt Egidi zur "Ärzte Zeitung".

Dr. Regina Klakow-Franck, unparteiisches Mitglied des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA), lobte die Bremer Preisträger in Berlin dafür, dass ohne ein hohes Maß an Eigeninitiative und persönlichem Engagement aller Beteiligten das Projekt nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt hätte. Der Preis ist mit 7500 Euro dotiert.

Das Bremer Konzept umfasst leitlinienorientierte Fragebögen für drei Altersklassen, einen so genannten "Werkzeugkasten" und Hintergrundmaterialien. Sie sollen die Evidenz der Empfehlungen darstellen.

"Wenn wir zum Beispiel heute bei allen Patienten zwischen 35 und 100 Jahren das Cholesterin prüfen, dann bringt das sowohl für die Jüngeren als auch für die ganz Alten nichts, sondern kostet vor allem Geld", erläutert Egidi.

Gesamtgesundheitszustand im Fokus

"Auch der Befund von etwas Blut in der Urinuntersuchung löst bei jüngeren Patienten derzeit regelmäßig entsprechende Nachuntersuchungen aus, obwohl dieser Befund bei Jüngeren in der Regel keinen Krankheitswert hat."

Das Bremer Modell fragt dagegen mehr nach dem Gesamtgesundheitszustand des Patienten als nach einzelnen Parametern wie Cholesterin oder Blutzucker. Deshalb haben die Autoren Fragebögen für drei Altersgruppen als Grundlage für die folgenden Gesundheitsgespräche erarbeitet: für Patienten von 18 bis 34 Jahren, ab 35 und ab 70 Jahren.

"Haben Sie sich schon mal gesagt, Sie sollten weniger Alkohol trinken?", werden die 18 bis 35-Jährigen gefragt. "Gibt es Angelegenheiten der Familienplanung/Sexualität, über die Sie mit uns sprechen möchten?"

Patienten ab 70 dagegen erhalten Fragen wie: "Haben Sie Probleme mit der Verdauung? Mit dem Schlaf? Mit dem Kauen?" oder "Trifft für Sie der Satz zu: Ich kann im Alltag nicht mehr alles tun, was ich vor einem Jahr noch konnte?"

Die Patienten müssen nicht antworten, betont Egidi. Sie kreuzen diejenigen Themen mit "ja" oder "nein" an, die ihnen besonders wichtig sind - und über die sie sprechen wollen. Körperliche und erst recht Labor- und apparative Untersuchungen werden dann im Anschluss auf ein Minimum reduziert.

Fragebögen sind keine Zeitfresser

Die Testphase mit 17 Bremer Praxen sei "außerordentlich zufriedenstellend" verlaufen, erklärt Egidi. Die Kollegen an der Weser haben für ihre fragebogenbasierten Untersuchungen kaum mehr Zeit gebraucht als bei den bisher üblichen Untersuchungen.

"Dafür haben wir mehr über unsere Patienten erfahren", versichert Egidi, "zum Beispiel, was Probleme älterer Frauen mit einer Harninkontinenz angeht oder eine familiäre Belastung mit kardiovaskulären Erkrankungen bei jüngeren Patienten."

Besonders Patientinnen mit Harninkontinenz schämten sich häufig wegen ihrer Beschwerden. Das Grundmuster, die Patienten zuerst zu fragen und dann an den Antworten folgend zu untersuchen, scheint aufzugehen.

Jetzt wird der Fragebogen allen Bremer Hausarztpraxen angeboten, die am dem Hausarztvertrag des Bremer Hausärzteverbandes mit den Ersatzkassen teilnehmen. "Wir werden auch weiterhin die Bremer Hausärzte hinsichtlich unseres neuen Konzeptes fortbilden", kündigte Egidi an.

Eine weitergehende Evaluation auf Patientenebene steht noch aus. "Eine solche Untersuchung ist sehr aufwändig", erklärt Egidi.

Aber die Bremer Preisträger haben Annette Widmann-Mauz, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit, schon nach Projektmitteln für eine solche Untersuchung gefragt, so Egidi. "Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist."

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Gegen Husten taugen Medikamente wenig

Abwarten und Tee trinken, mehr wollen US-Experten gegen erkältungsbedingten Husten nicht empfehlen. Allenfalls etwas Honig bei Kindern halten sie noch für geeignet. mehr »

Erst krebskrank, dann Hypertoniker

Überlebende von Krebserkrankungen in der Kindheit tragen ein erhöhtes Hypertonierisiko: Im Alter von 50 Jahren sind 70 Prozent betroffen. mehr »

Macht das Stadtleben krank?

Stadtluft kann Schizophrenie begünstigen, glauben Wissenschaftler. Ein Chefarzt der Charité fordert deshalb eine Public-Mental-Health-Strategie für urbane Räume. mehr »