Ärzte Zeitung, 24.09.2015

Barrierefreie Praxis: Ein Selbstversuch hilft

Beim barrierefreien Umbau der Praxis sollten die Bedürfnisse von Patienten mit unterschiedlichen Einschränkungen in den Blick genommen werden.

Von Ilse Schlingensiepen

DÜSSELDORF. Niedergelassenen Ärzten, die ihre Praxis barrierefrei gestalten möchten, können der Selbstversuch und das Gespräch mit Patienten helfen, die eine Beeinträchtigung haben.

"Lassen Sie sich von Ihrer medizinischen Fachangestellten die Augen verbinden, mehrfach im Kreis drehen und dann durch die Praxis führen", empfahl der Leverkusener Internist und Allergologe Norbert Mülleneisen auf einer Fachtagung der KV Nordrhein (KVNo) in Düsseldorf.

Hilfreich sei es auch, in einem Rollstuhl durch die Praxis zu fahren. Ärzte sollten Patienten mit Behinderungen fragen, wie sie mit den Gegebenheiten in der Praxis zurechtkommen. "Lassen Sie sich mal von einem Sehbehinderten beraten, ob Ihre Praxis für ihn eine gute Beschilderung hat", sagte Mülleneisen.

Probleme mit Kontrasten

Er selbst habe einmal ein Hinweisschild in den Farben Rot und Schwarz angebracht. Was der Arzt nicht wusste: Für Menschen mit Schwierigkeiten beim Sehen ist der Kontrast zu schwach.

Alle Maßnahmen zur Umgestaltung der Praxis sollten sich an der Lebensqualität, der Integration und dem Komfort orientieren, sagte der Architekt Frank Opper, der selbst im Rollstuhl sitzt. "Fragen Sie sich: Was wäre denn für mich bequemer und komfortabler?" Opper warnte davor, sich beim Abbau von Barrieren zu sehr auf einzelne Formen der Behinderung zu fokussieren.

Notwendig sei stattdessen ein "Design für alle": "Alle Einrichtungen müssen für alle Menschen unabhängig von Alter oder Behinderung ohne Abgrenzung nutzbar und insbesondere zugänglich sein", erläuterte er das Konzept.

Auch der Patientenbeauftragte der nordrhein-westfälischen Landesregierung Dirk Meyer plädierte für einen möglichst breiten Blickwinkel und eine große Aufgeschlossenheit unterschiedlichen Bedürfnissen gegenüber. "Patienten bringen vielfältige Faktoren mit."

Die Ärzteschaft habe in den vergangenen Jahren bereits große Fortschritte in diesem Bereich gemacht, betonte der KVNo-Vorsitzende Dr. Peter Potthoff. Das zeige eine aktuelle Umfrage der KVNo. "Wir sind viel weiter, als wir es nach unseren bisherigen Daten erhoffen konnten."

An der Befragung hatten sich 60 Prozent der angeschriebenen 13.000 Ärzte und Psychotherapeuten beteiligt. In Nordrhein sind zurzeit 6200 Praxen barrierearm, verglichen mit 2300 vor fünf Jahren.

Auch Bestandspraxen rüsten nach

"Besonders erfreulich finde ich die Tatsache, dass nicht nur Neu-Praxen, sondern auch sehr viele Bestandspraxen beim Abbau von Barrieren teils massiv nachgerüstet haben", sagte Potthoff. Mindestens 47 Prozent der Praxen hätten einen barrierearmen Zugang und eine wenn auch nicht umfassende behindertengerechte Ausstattung.

Der KVNo-Chef warnte davor, von den Praxisinhabern zu viel zu verlangen. "Ich bin überzeugt: Wir erreichen am Ende mehr, wenn wir Ärzte und Psychotherapeuten für konkrete - manchmal auch kleine - Maßnahmen gewinnen können, als wenn wir per Stichtag einen umfassenden, aber kaum erreichbaren Goldstandard zum Maßstab der Barrierefreiheit erklären und zur Pflicht für alle machen."

Schon kleine Fortschritte zählen, bestätigte die Staatssekretärin im nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium Martina Hoffmann-Badache. "Ein Schritt in Richtung barrierearm ist ein wichtiger Schritt für viele Betroffene."Hoffmann-Badache appellierte an die Ärzte, nicht nur die körperbehinderten Menschen im Blick zu haben, sondern an alle Formen der Beeinträchtigungen zu denken, inklusive der psychischen und geistigen.

Eins ist ihr besonders wichtig: "Wir müssen die Aktivitäten so gestalten, dass wir von den Bedürfnissen der Menschen mit Behinderung selbst ausgehen."Die Umrüstung der Praxen kann für Ärzte mit erheblichem finanziellen Aufwand verbunden sein, betonte Klaus Balke von der Abteilung Flexible Versorgungsformen und Patientenorientierung der KBV. Es könnten leicht sechststellige Summe zusammen kommen. Balke bedauerte, dass es bislang kein entsprechendes Förderprogramm der Kfw-Bank gibt.

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