Ärzte Zeitung online, 10.01.2014

Kliniken

Qualitätsmanagement kann Mitarbeiter auch entspannen

Kleine Veränderungen im Klinikalltag können große positive Wirkungen entfalten. Das zeigt ein Beispiel aus Niedersachsen.

Von Christian Beneker

Qualitätsmanagement kann Mitarbeiter auch entspannen

Dr.Martin Memming, Chefarzt des Robert-Koch-Krankenhauses in Gehrden ist ein großer Verfechter des Qualitätsmanagements.

© Beneker

GEHRDEN. Seit kurzem muss Chefarzt Dr. Martin Memming seltsame Fragen seiner Patienten beantworten: "Geben Sie den Leuten Drogen?" "Warum?"

"Die sind alle so entspannt hier!" Memming hat nichts gegen die lockernde Wirkung von Qualitätsmanagement auf die Belegschaft. Es geht ihm aber vor allem um eine bessere Versorgung.

Zum Beispiel die Namensschildchen. Im Robert-Koch-Krankenhaus in Gehrden nahe Hannover und dem organisatorisch daran angebundenen Krankenhaus in Springe gehen die Uhren anders, seit die Patienten bei der Aufnahme einen Armband mit ihrem Namen bekommen.

Und auch am Bett ist jetzt stets ein Namensschild angebracht - "und zwar gedruckt und nicht in Handschrift, wie es sonst oft üblich war", erklärt Memming.

Schließlich soll für Schwestern und Ärzte sofort erkennbar sein, wer in dem Krankenbett liegt. Die neue Disziplin an diesem Punkt hat ihren Grund, wie Memming berichtet.

Ärzte sollen weniger Ja-Nein-Fragen stellen

Einmal sollte ein Pfleger einem Patienten namens Meier wegen einer Röntgenuntersuchung Kontrastmittel geben.

Die Stationsschwester schickt den Pfleger zu Patient Franz Meier. Er liege im Krankenzimmer im Bett Nummer zwei rechts in der Mitte.

"Sind Sie Herr Meier?", fragt der Pfleger den betreffenden Patienten. Der war gerade von einer Op zurück und noch nicht ganz Herr seiner Sinne. So nickte er nur benommen und konnte dem Pfleger nicht erklären, dass er eigentlich Schulze heißt und bei ihm keine Röntgenuntersuchung geplant ist.

Er hatte aber zuvor mit Herrn Meier seinen Platz getauscht, weil sein Bettnachbar gerne am Fenster liegen wollte. Vom Tausch wusste die Stationsschwester nichts und hatte die Pfleger prompt falsch geschickt.

"Der Pfleger hat den Irrtum schließlich noch rechtzeitig bemerkt", sagt Memming, "aber die Umstände zeigen, dass kleine Verbesserungen helfen können, große Fehler zu vermeiden."

So transportiert inzwischen nur ein bestimmter Mitarbeiter im Haus Kontrastmittel zu den Patienten. Und er fragt die Patienten nicht mehr: "Sind Sie Herr Meier?", sondern: "Wie heißen Sie?" So muss der Patient aktiv antworten und seinen Namen nennen. Auch so werden Verwechslungen ausgeschlossen.

Memming hat seinen Ärztestab nun geschult, aktiv mit ihren Patienten sprechen, von ihnen den Namen zu erfahren, anstatt Ja-Nein-Fragen zu stellen.

Seit das Krankenhaus Gehrden derart seine Prozesse reguliert, kommt der Seelsorger nur zu den Patienten, die um ihn gebeten haben, die Medikamente zu den richtigen Patienten und Kontrastmittel nur zu denen, die auch geröntgt werden sollen.

CIRS stammt ursprünglich aus der Fliegerei

Nimmt man die Haftpflicht-Fälle und die Behandlungsfehler zusammen, die vor den Ärztekammern beraten werden, kommt man in Deutschland auf rund 40.000 Fälle, die im Jahr gemeldet werden.

Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich deutlich höher. Denn wer geht schon offen mit kleinen Patzern und dicken Fehlern auf den Stationen um?

Memming jedenfalls will die ungesunde Verschwiegenheit im Krankenhaus beenden. Er hat im Haus eine anonyme Meldestelle für Fehler und Beinahefehler eingerichtet - nicht um die Arbeit mies zu machen, sondern um zu lernen und die Zahl der Behandlungsfehler zu senken.

Das so genannte Clinical Incident Reporting System (CIRS) stammt ursprünglich aus der Fliegerei und wird heute auch in Kraftwerken, Großschiffen oder - in Op-Sälen eingesetzt, um die Fehler quasi als Fenster zum Versorgungssystem zu nutzen.

Der Bedarf ist eindeutig: Wöchentlich gehen in Gehrden rund zwei Meldungen ein.

Die Sache mit den Namensschildchen ist inzwischen Teil einer größeren und langfristigen Strategie im Haus geworden, die Prozesse zu koordinieren und festzulegen.

Welche weiteren Abläufe die Klinik verändert hat, um Fehlerquellen zu minimieren, erfahren Sie, wenn Sie diesen Text exklusiv in unserer App-Ausgabe vom 10.1.2014 weiterlesen.

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