Ärzte Zeitung, 01.10.2015

Haftpflicht

Krankenhäuser ziehen mit Versicherern an einem Strang

Viele Versicherer haben Policen für die Klinikhaftpflicht aus dem Programm genommen. Die verbleibenden Anbieter stellen hohe Anforderungen an die Häuser. Letztlich profitieren davon vor allem die Patienten.

Von Ilse Schlingensiepen

Krankenhäuser ziehen mit Versicherern an einem Strang

Landen ärztliche Behandlungsfehler vor Gericht, kann es für Versicherer teuer werden.

© Aycatcher/fotolia.com

Die Krankenhaushaftpflicht ist ein Thema, das Kliniken und Versicherern in den vergangenen Jahren viele graue Haare beschert hat. Die Versicherer beklagen die Belastung durch immer teurere Schadenfälle, viele Anbieter haben sich aus dem Geschäftsfeld zurückgezogen.

Als Folge wurde die Absicherung für die Häuser schwieriger und vor allem teurer. Diese Situation könnte für die Patienten langfristig einen positiven Effekt haben. Denn die Versicherer nehmen das Risikomanagement der Kliniken und die Schadenprävention verstärkt in den Blick.

"Anders als in der Vergangenheit betrachten die Versicherer bei der Prämienbemessung nicht mehr nur die Anzahl und die Höhe der Schäden, sondern beziehen die Maßnahmen im Risikomanagement als weiteren Parameter ein", sagt Manfred Klocke, Hauptgeschäftsführer von Ecclesia, dem führenden Versicherungsmakler im Gesundheitswesen.

"Das Risikomanagement wirkt sich auf die Zeichnungsbereitschaft und die Prämienhöhe aus", berichtet er. Das gelte für alle großen Anbieter, wenn auch in unterschiedlichem Maße.

Verbessertes Risiko- und Qualitätsmanagement

Das Interesse der Versicherer am Thema kommt nicht von ungefähr. Zwar ist eine direkte Korrelation zwischen dem Risikomanagement und der Schadenbelastung eines Krankenhauses in den Zahlen nicht nachweisbar.

Es gebe aber klare Hinweise, sagt Klocke. Seit mehr als zehn Jahren sei die Anzahl der nachgewiesenen Behandlungsfehler trotz der höheren Arbeitsverdichtung und des Pflegenotstands in den Kliniken nicht gestiegen.

"Das kann nur auf eine höhere Professionalität und Verbesserungen im Risiko- und Qualitätsmanagement zurückzuführen sein."

Er sieht einen weiteren Effekt: Durch die teuren Haftpflichtprämien wählen immer mehr Kliniken einen hohen Selbstbehalt. Die direkte finanzielle Belastung im Schadenfall erhöht das Interesse an einem funktionierenden Risikomanagement.

Für die Patienten ist jede risikominimierende Maßnahme wichtig - egal aus welchen Motiven sie erfolgt.

Den Risiken bewusst sein

"Jedes Krankenhaus muss sich seiner Risiken und seiner Prozesse bewusst sein", betont Christian Diedrich, im Vorstand des Versicherers Ergo verantwortlich für die Schaden- und Unfallversicherung.

Ergo hat für die Kliniken ein spezielles Risikomanagement-Screening entwickelt. Neben den allgemeinen Informationen über das jeweilige Krankenhaus, die für die Bewertung wichtig sind - Anzahl der Behandlungsfälle, hat das Haus eine Gynäkologie oder betreibt es eine Blutbank? - checkt der Versicherer eine ganze Reihe von Kriterien, berichtet Christian Kussmann, Abteilungsleiter bei Ergo.

Abhängig von den konkreten Aktivitäten des Hauses umfasst die Checkliste bis zu 400 Punkte.

"Eine Mitarbeiterin der Ergo geht gemeinsam mit einem klinisch erfahrenen Risikoberater für zwei Tage in die Häuser und verschafft sich einen Überblick über das Risikomanagement", sagt Kussmann. Dort, wo der Versicherer Handlungsbedarf sieht, empfiehlt er konkrete Maßnahmen.

Die Verbesserungsvorschläge sind nicht unverbindlich. "Der Abschluss beziehungsweise die Fortführung der Haftpflichtversicherung setzt voraus, dass diese Maßnahmen umgesetzt werden", betont Vorstand Diedrich. In einem Segment, in dem nur noch so wenige Anbieter aktiv sind wie in der Krankenhaushaftpflicht, bleibt ein solches Vorgehen nicht ohne Wirkung.

Auch die Versicherungskammer Bayern (VKB) setzt auf die aktive Unterstützung im Risikomanagement. "Wir haben einen Katalog von Mindest-Anforderungen entwickelt", sagt Harald Speil, der als Hauptabteilungsleiter Haftpflicht für die Heilwesenversicherung bei der VKB zuständig ist.

Kliniken geht es auch um ihr Renommee

Die Reaktion der Krankenhäuser sei in der Regel positiv. "Es geht für sie bei dieser Frage nicht nur um die Versicherungsprämien, sondern auch um ihr Renommee."

Wenn Kliniken sich dem Risikomanagement verweigern würden, würde auch die VKB nicht zeichnen. Ein solches Verhalten gebe es aber in der Realität nicht mehr.

Es sei klar, dass auch das beste Risikomanagement nicht zur generellen Vermeidung von Schäden führen könne, betont Speil. "Aber man kann die Eintrittswahrscheinlichkeit reduzieren."

Es liegt auf der Hand, warum dies im Interesse der Haftpflichtversicherer ist: Weniger Schäden bedeuten geringeren Aufwand. Wenn sich das langfristig positiv auf die Höhe der Prämien auswirkt, profitieren auch Kliniken finanziell.

Man muss zwar kaum noch einen Klinikmanager von der Sinnhaftigkeit risikominimierender Maßnahmen überzeugen. Dennoch kann ein wenig Druck durch die Vorgaben der Versicherer nicht schaden. Jeder Schritt, der zu einer höheren Patientensicherheit beiträgt, zählt.

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