DGIM-Vorsitzender Prof. Claus F. Vogelmeier

Für Multimorbide den Überblick behalten!

Patienten mit gleich mehreren chronischen Krankheiten gehören heute in Praxis und Klinik zum Alltag: Ein Grund für das Team um den DGIM-Vorsitzenden Prof. Claus F. Vogelmeier, „Komorbidität / Multimorbidität“ zu einem der Hauptthemen des Internistenkongresses zu machen.

Von Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht: 05.05.2019, 15:22 Uhr

Ärzte Zeitung: Herr Professor Vogelmeier, beim Thema Multimorbidität kommt einem als erstes der alte, der geriatrische Patient in den Sinn. Aber wie wird nach Ihrer Erfahrung Multimorbidität bei Menschen jungen und mittleren Alters, die an chronischen Krankheiten leiden, adressiert?

Professor Claus F. Vogelmeier: Die Lotsenfunktion von Allgemeinärzten und hausärztlich tätigen Internisten ist essentiell.

© Marco Mrusek

Professor Claus F. Vogelmeier: Unsere Medizin hat sich inzwischen so fein in Spezialgebiete verästelt, dass der ganzheitliche Blick auf Patienten ein wenig verloren gegangen ist. Daraus ergibt sich die Gefahr, dass der Spezialist nur wenige Facetten einer Krankheit adressiert und dem betroffenen Patienten nur unzureichend hilft.

Essentiell ist daher die Lotsenfunktion von Allgemeinärzten und hausärztlich tätigen Internisten, die als permanente Begleiter dieser Patienten den Überblick behalten. Zugleich müssen die jeweiligen Spezialisten sich unbedingt daran gewöhnen, teamfähig und teambildend tätig zu sein. Zum Beispiel kann hinter einer Atemnot sehr vieles stecken. Jeder in die Diagnostik involvierte Spezialist muss stets damit rechnen, dass Symptome nicht unbedingt sein Fachgebiet betreffen.

Die Tür, durch die ein Patient die Klinik betritt, bestimme oft die Hauptdiagnose, heißt es. Wie kann es gelingen, aus dem stark organbezogenen Denken der eigenen Fachdisziplin herauszukommen?

Da kommt es stark auf die Ausbildung an. In der Weiterbildung für die Innere Medizin sollten feste Rotationsalgorithmen durch mehrere Schwerpunktdisziplinen selbstverständlich sein. Wir in Marburg praktizieren das so.

Wir haben fünf internistische Abteilungen und die Kolleginnen und Kollegen rotieren in der dreijährigen Phase des Kerncurriculums in halbjährlichen Intervallen durch mehrere Abteilungen. Bereits vorher, im Medizinstudium, muss vermehrt versucht werden, praxisorientiertes Wissen so zu vermitteln, dass die Studierenden befähigt werden, erste allgemeinmedizinische Fragestellungen möglichst selbstständig zu lösen.

Zweitens kann digitale Medizin sehr hilfreich sein. Elektronische Hilfssysteme, wie sie teilweise bereits verfügbar sind und zunehmend zur Verfügung stehen werden, können selbst bei scheinbar klarer Befundkonstellation in der Notaufnahme Hinweise geben, woran man gegebenenfalls noch denken sollte.

Wie wollen Sie beim DGIM-Kongress das Thema Ko- und Multimorbidität angehen?

Ko- und Multimorbidität ist eines meiner persönlichen wissenschaftlichen Arbeitsgebiete. Daher ist mir dieser Schwerpunkt des DGIM-Kongresses 2019 besonders wichtig.

In einer ganzen Reihe von Veranstaltungen werden wir den Fokus darauf richten. So werden sich die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung vorstellen und bei diesen Präsentationen wird das Thema eine Rolle spielen, ebenso beim „Forum Junge Internisten“.

Das Programm für unsere jungen Kolleginnen und Kollegen ist sehr breit angelegt und reicht von Karriereberatung bis hin zur Präsentation aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse. Dort präsentieren sich unter anderem die aus Sicht der DGIM hochqualifizierten akademischen jungen Kollegen. Und es werden eine Reihe von Propädeutik-Veranstaltungen stattfinden.

Professor Claus F. Vogelmeier

  • Position: Direktor der Klinik für Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie, Intensiv- und Schlafmedizin am Universitätsklinikum Gießen und Marburg, Standort Marburg
  • Werdegang: 1982 Approbation, 1984 Promotion, Weiterbildung zum Internisten mit den Schwerpunkten Pneumologie, Allergologie, Kardiologie an der LMU München, 1987-1989 Forschungsaufenthalt an den National Institutes of Health in Bethesda/USA, 1994 Habilitation, ab 1997 klinischer Oberarzt, ab 1998 Leiter des Schwerpunkts Pneumologie an der LMU München, seit 2001 Direktor der Klinik für Innere Medizin am Universitätsklinikum Gießen und Marburg
  • Engagement: u.a. - seit 2002 Mitglied im Vorstand der Atemwegsliga, - seit 2008 Sprecher des Deutschen Asthma- und COPD-Netzwerks (BMBF), - seit 2014 Vorsitzender Science Committee der Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease (GOLD), - seit 2014 Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Leibniz-Zentrums für Medizin und Biowissenschaften, Borstel, - seit 2015 Vorsitzender der Deutschen Lungenstiftung
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