Digitaler Wandel

Kritik beim HSK: „Warum muss es immer ums Geld gehen für Selbstverständliches?“

Bessere Versorgung und veränderte Rahmenbedingungen: Digitalisierung wird das deutsche Gesundheitswesen wohl tiefgreifend verändern. Warum sie kein Selbstzweck ist und wozu sie führen könnte.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:
Wenn alle Daten elektronisch verfügbar sind, fällt die Kooperation der Akteure viel leichter.

Wenn alle Daten elektronisch verfügbar sind, fällt die Kooperation der Akteure viel leichter.

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Berlin. Neue und bessere Versorgung, bislang unbekannte Player und veränderte Rahmenbedingungen: Die Digitalisierung wird das deutsche Gesundheitswesen schon in Kürze tiefgreifend verändern. Diese Position vertrat Inga Bergen auf einer Diskussionsrunde auf dem Hauptstadtkongress. Bergen, die mehrere Innovationen und Start-ups begleitet hat, nannte zwei Voraussetzungen, die als Grundlage für diesen Wandel in Deutschland inzwischen erfüllt sind:

  • Die E-Patientenakte, die ab 1. Juli von Praxen befüllt werden soll und damit den Datenzugriff für eine besser vernetzte Versorgung erlaubt.
  • Das erforderliche Risikokapital fließt inzwischen in die Start-up-Szene im Gesundheitswesen.

„Wir haben die Gesetze und wir haben das Geld, jetzt sind wir mitten im Wandlungsprozess“, sagte Bergen. Wichtigste Treiber dieses Prozesses sind aus ihrer Sicht Patienten mit chronischen Erkrankungen, die von einer besseren Versorgung am meisten profitieren könnten. Wer die gestaltet, ist noch nicht ausgemacht. Nach Bergens Überzeugung werden „neue Spieler“ – zum Beispiel aus der Start Up-Szene – neue Lösungen und Bedingungen entwickeln, die von etablierten Akteuren stärker als bislang einbezogen werden sollten.

Die KVen kommen nicht mehr mit“

Ihr Kritikpunkt: „Das deutsche Gesundheitswesen dreht sich um sich selbst.“ Nach Bergens Beobachtung droht manchen von ihnen gar eine Abkoppelung: „Die KVen kommen schon heute nicht mehr mit.“

Auch Ärztin und Medizininformatikerin Professor Sylvia Thun sparte nicht mit Kritik an tradierten Mustern im Gesundheitswesen – etwa dem steten Ruf nach Geld, bevor Neuerungen in Angriff genommen werden. „Warum muss es immer ums Geld gehen für Selbstverständliches“, fragte Thun unter Verweis auf das digitale Befüllen von Formularen durch Ärzte. Auch die Vergütung von 18 Euro für das Ausstellen des digitalen Impfpasses in Apotheken nannte sie als Beispiel.

Sana: Investitionen vervielfacht

Wie stark dieses Muster ausgeprägt ist, zeigte sich auch in der Diskussion, als Sana-Vorstand Dr. Jens Schick zwar die vom Gesetzgeber ermöglichte Investition in die Digitalisierung von Kliniken lobte, zugleich aber nach der Folgefinanzierung der aus den Investitionen erwachsenen Betriebskosten fragte. Er räumte ein, dass viele Kliniken bei der Digitalisierung nicht gerade Vorreiter sind. Sana arbeite derzeit an internen Vernetzungsstrukturen. Durch das Krankenhauszukunftsgesetz mit seiner Förderung von insgesamt bis zu 4,3 Milliarden Euro für IT-Investitionen könnten die Investitionen aus Eigenmitteln bei Sana von 20 Millionen Euro auf 80 Millionen vervielfacht werden, so Schick.
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Trotz finanzieller Förderung ist für ihn nicht ausgemacht, dass jeder Klinikbetreiber diese Herausforderung meistern wird – abhängig sei dies unter anderem von der Fähigkeit, für die Umsetzung auch qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Schick bestätigte die rege Gründerszene: Derzeit kämen viele Start-ups auf Krankenhäuser zu, um mit ihnen Innovationen zu testen.

„Raus aus der digitalen Diaspora!“

Dass die Berufe im Gesundheitswesen mit der digitalen Dynamik nicht immer Schritt halten können, bestätigte Ludger Risse. Der Pflegedirektor des St. Christopherus-Krankenhauses in Werne stellte sich als Vertreter „einer sehr, sehr analogen Berufsgruppe“ vor. Als wichtige Voraussetzung für eine bessere Versorgung sieht er die ePA an. „Der Zugang der Pflege muss gewährleistet sein, damit keine Versorgungsbrüche entstehen“, sagte Risse.

Ein Hemmnis für diesen Zugang hat sich die Pflege aus seiner Sicht selbst beschert: Mit Abwicklung der Pflegeberufekammern in Schleswig-Holstein und Niedersachsen fehlen zumindest dort künftig Körperschaften, die die Ausgabe der elektronischen Heilberufsausweise unterstützen könnten – die wiederum für den Zugriff auf die elektronische Patientenakte wichtig sind. Risse forderte: „Die Pflege muss raus aus der digitalen Diaspora.“

„Bei weitem nicht am Ziel, aber am Beginn einer Aufholjagd“ sieht Dr. Gottfried Ludewig (CDU), Abteilungsleiter für Digitalisierung im Bundesgesundheitsministerium das deutsche Gesundheitswesen bei der Digitalisierung. Als Beispiele führte er Videosprechstunden, ePA, E-Rezept, SnoMed und das Intensivbettenkapazitätenregister an. Dass es bei der Umsetzung solcher Prozesse auch Probleme geben wird, gehört für ihn mit dazu: „Das wird nicht optimal laufen, das ist ein iterativer Entwicklungsprozess.“ Viel wichtiger sei, dass Deutschland endlich begonnen hat und das dritte Quartal 2021 das Quartal sein wird, in dem Ärzte die ePA mit Daten füllen – nachdem vorher rund 18 Jahre nur darüber diskutiert wurde.

Aus Sicht der Diskussionsrunde gilt es nun, mit nutzerfreundlichen und Nutzen stiftenden Anwendungen dafür zu sorgen, dass die Digitalisierung nicht als Selbstzweck, sondern als Fortschritt wahrgenommen wird.

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