ADHS

ADHS-Versorgungskonzept kommt gut an

AOK Rheinland/Hamburg, KV Nordrhein, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sowie Psychotherapeuten kooperieren erfolgreich und verbessern die Versorgung von Kindern mit ADHS.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Schwieriger kleiner ADHS-Patient: die Behandlung ist aufwändig.

Schwieriger kleiner ADHS-Patient: die Behandlung ist aufwändig.

© somenski / fotolia.com

KÖLN. Wer die Not der betroffenen Kinder und ihrer Familien kennt, würde nicht auf die Idee kommen, die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) als erfundene Krankheit zu bezeichnen.

Das betont der Solinger Kinder- und Jugendarzt Dr. Thomas Fischbach, Vorstand im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Entsprechende Zeitungsberichte bezeichnet Fischbach als "absoluten Unsinn".

"Ein Kind mit ADHS kann eine ganze Familie durcheinander bringen", weiß Fischbach, der einen Schwerpunkt bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS hat.

Häufig versuchten die Eltern lange Zeit, die Probleme selbst in den Griff zu bekommen.

"Sie kommen erst in die Praxis, wenn das Dach brennt." Der Leidensdruck der Kinder, die überall anecken, sei entsprechend groß, die Wartezeiten auf eine Behandlung aber lang.

ADHS-Vertrag seit Herbst 2010

Die Krankheit sei nicht leicht zu dia gnostizieren, unter anderem weil viele Symptome auch bei anderen Störungsbildern auftreten. "ADHS ist keine Erkrankung, die man mit einem einfachen Test feststellen kann", sagt er.

Um so wichtiger seien eine genaue Anamnese und eine umfassende Differenzialdiagnostik. Sie würden in der Normalversorgung aber ebenso wenig vergütet wie die aufwändige Betreuung der Patienten und ihrer Familien, kritisiert Fischbach. "Das kostet alles furchtbar viel Zeit." Viele Kollegen scheuten deshalb vor der Behandlung zurück und überwiesen die Patienten zu Kinder- und Jugendpsychiatern.

Zumindest für die Versicherten der AOK Rheinland/Hamburg hat sich die Situation seit dem Herbst 2010 verbessert. Damals haben der Berufsverband der Kinder- und Jugendarzt und die KV einen Vertrag mit der Kasse abgeschlossen, der durch einen Modulvertrag mit den Berufsverbänden der Psychotherapeuten ergänzt wird.

Die Ärzte und Therapeuten erhalten für den zusätzlichen Aufwand in Diagnostik, Therapie und Koordination der Behandlung eine extrabudgetäre Vergütung.

Die Vereinbarung ist eng angelehnt an den Mustervertrag der KBV zu ADHS. "Ursprünglich wollten wir diesen Vertrag in Nordrhein mit Leben erfüllen, aber wir sind an den Krankenkassen gescheitert", berichtet Fischbach. Am Vertrag mit der AOK Rheinland/Hamburg beteiligen sich bislang 165 der rund 600 niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte in Nordrhein.

Sie betreuen 1711 Patienten. Auch 25 Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten machen mit. Das Modell steht nur Ärzten offen, die in den vergangenen zwei Jahren pro Quartal mindestens 30 Kinder oder Jugendliche mit ADHS behandelt haben.

Eltern-Coaching kommt gut an

Das Konzept setzt auf die leitliniengerechte interdisziplinäre Versorgung der Patienten. "Ein wichtiger Vorteil ist der multimodale Ansatz", sagt der Kinderarzt. Er umfasst neben der Versorgung der Kinder auch die Betreuung der Familien. Fischbach bietet zusammen mit einer Psychologin ein Eltern-Coaching an, das auf gute Resonanz stößt.

Dort lernen die Erwachsenen, wie sie mit bestimmten Situationen umgehen können. "Häufig wird den Eltern viel zu wenig an die Hand gegeben."

Der Arzneimitteleinsatz ist streng kontrolliert. "Die medikamentöse Therapie greift erst dann, wenn die anderen Maßnahmen nicht zum Erfolg führen", erläutert Fischbach.

Fischbach ärgert es, dass bisher lediglich die AOK das erfolgreiche Vertragsmodell umsetzt. "Es ist unbefriedigend, dass sich die anderen Kassen aus der Verantwortung stehlen." Zwar hat die Barmer GEK mit dem pädnetz Niederrhein ein ähnliches Versorgungskonzept installiert. Der Wirkungskreis ist aber regional sehr begrenzt. "Damit kommen wir in der Fläche nicht weiter", sagt er.

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