Blinddarmentzündung?

AIR-Score bringt Licht ins Dunkel

Ob hinter Bauchschmerzen eine Blinddarmentzündung steckt oder nicht, lässt sich mittels der AIR-Score gut abschätzen. Das zeigt eine britische Studie.

Von Beate Schumacher Veröffentlicht:
Appendizitis? Gesucht ist ein diagnostisches Prozedere mit hoher Sensitivität und Spezifität.

Appendizitis? Gesucht ist ein diagnostisches Prozedere mit hoher Sensitivität und Spezifität.

© dragon_fang / fotolia.com

LONDON. Bei Patienten mit Appendizitis-verdächtigen Bauchschmerzen wird nach wie vor viel unnötige Diagnostik betrieben. Sogar chirurgische Explorationen ergeben zu 20 Prozent keinen Befund. Chirurgen aus London plädieren deshalb dafür, die klinische Einschätzung durch den Einsatz des Appendicitis Inflammatory Response (AIR)-Score zu unterstützen.

"Der Score klassifiziert die meisten Patienten mit nicht Appendizitis-bedingten Schmerzen korrekt in die Niedrig-Risiko-Gruppe und bewahrt dabei eine hohe Sensitivität für alle Appendizitisfälle", berichten Alasdair J. Scott vom St Mary's Hospital und Kollegen (Br J Surg 2015; 102(5): 563-572).

464 Patienten untersucht

Die Ärzte haben prospektiv 464 konsekutive Patienten verfolgt, die sich mit Appendizitisverdacht in der Uniklinik vorstellten. Bei allen wurde der AIR-Score erhoben, allerdings ohne dass die Ergebnisse den zuständigen Ärzten mitgeteilt wurden.

332 Patienten (71,6 Prozent) wurden letztlich von dem Verdacht auf eine Entzündung der Appendix vermiformis freigesprochen, davon 84 allerdings erst nach operativer Exploration. Von den 132 Patienten mit bestätigter Appendizitis hatten 51 eine fortgeschrittene Erkrankung.

Ein AIR-Score von mindestens 5 Punkten, entsprechend einem mittleren bis hohen Risiko, entdeckte eine Appendizitis mit einer Sensitivität von 90 Prozent, fortgeschrittene Stadien sogar mit einer Sensitivität von 98 Prozent. Die Spezifizität, also der Anteil der korrekt erkannten Patienten ohne Appendizitis, betrug 63 Prozent; der negative Vorhersagewert lag damit bei 94 Prozent.

Erreichte der AIR-Score mindestens 9 Punkte, lag die Spezifität bei 97 Prozent. Bei den meisten Appendizitispatienten war es bereits zu einer Perforation oder Gangrän gekommen. Allerdings hatten selbst in dieser Hochrisikogruppe 23 Prozent der Patienten keine Appendizitis.

Durch einen AIR-Score unter 5 Punkten wurden 63 Prozent der Patienten, die keine Appendizitis hatten, korrekt identifiziert.

Weiteres Vorgehen je nach Risiko

Um diejenigen Patienten zu erkennen, die trotz eines AIR-Score im Niedrigrisikobereich eine Appendizitis hatten, erwies sich der Ultraschall als ungeeignet.

Nur bei einem mittleren Risiko gemäß AIR trug die Sonografie dazu bei, die Entzündung zu entdecken. Die Bildgebung per CT konnte dagegen bei Patienten mit niedrigem wie mit mittlerem Risiko den Verdacht auf die Erkrankung weiter erhärten beziehungsweise entkräften.

Die britischen Chirurgen empfehlen daher bei Verdacht auf Appendizitis folgendes Vorgehen:

Patienten mit niedrigem Risiko im AIR können zunächst entlassen werden - mit der Aufforderung wiederzukommen, wenn die Beschwerden sich nicht bessern. Bei (Wieder-)Aufnahme sollte einer chirurgischen Exploration ein CT vorgeschaltet werden. Bei fehlendem Befund kann der Patient entlassen werden.

Bei Patienten mit mittleren AIR-Risiko sollte zunächst ein Ultraschall gemacht werden. Bei positivem Ergebnis wird operiert, bei unklarem oder negativem Ergebnis sollte der CT-Befund den Ausschlag geben.

Bei Hochrisikopatienten kann oft direkt die Exploration erfolgen; falls eine Bildgebung erfolgt, sollte das ein CT sein.

Laut Scott und Kollegen sind die Risikostratifizierung per AIR-Score und die Entlassung von Niedrigrisikopatienten, mit geeigneter Beratung und Nachbeobachtung, mit erheblichem Einsparpotenzial verbunden: In ihrer Stichprobe hätte man die Quote an negativen Explorationen von 39 Prozent auf 23 Prozent reduzieren können.

Mehr zum Thema

Evaluationsbericht

G-BA: Starke erste Daten zur Darmkrebsvorsorge

Seltene Erkrankungen

G-BA hat Zusatznutzen von fünf Orphan Drugs geprüft

Kommentare
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Lesetipps
Alexander Baasner und Dr. Stefan Spieren (v.l.) haben die Idee der Digitalen Hausärztlichen Versorgungsassistenten (DIHVA) entwickelt.

© Digitales Facharzt- & Gesundheitszentrum

Neues Berufsbild

Bürger als Assistenten: Hausarzt entwickelt Idee der DIHVA

Patient bei einer Videosprechstunde mit Ärztin

© AJ_Watt / Getty Images / iStock

Digitale Gesundheitsanwendungen

DiGA oder doch lieber App?