Blutvergiftung

Ärzte ziehen Erreger mit Magneten aus dem Blut

Magnete statt Antibiotika: Forscher prüfen eine neue Therapiemethode bei Blutvergiftung. Mit ihr fischen Mediziner einfach alle Sepsis-Erreger aus dem Blut – ohne vorher wissen zu müssen, welche Keime es sind. Doch noch ist die Behandlung riskant.

Veröffentlicht:
Erreger einfach aus dem Blut ziehen: Forscher wollen Sepsis mit magnetischen Partikeln bekämpfen.

Erreger einfach aus dem Blut ziehen: Forscher wollen Sepsis mit magnetischen Partikeln bekämpfen.

© Jürgen Priewe / Fotolia

ST. GALLEN. Septitiden enden auch heute noch in über 50 Prozent der Fälle tödlich, lassen sich aber im Anfangsstadium durchaus kurieren. Daher ist schnell zu handeln oberstes Gebot.

Ärzte verabreichen deshalb meist schon bei Sepsis-Verdacht Antibiotika, ohne vorher zu klären, ob es sich tatsächlich um eine bakterielle Sepsis handelt, was wiederum die Gefahr für Resistenzen massiv erhöht.

Faktor Zeit entscheidend

Es gelte also, eine schnelle und effektive Therapie zu finden, möglichst ohne auf Antibiotika zurückgreifen zu müssen, erinnert die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa).

Eine mögliche Lösung entwickelt die Empa-Forscherin Inge Herrmann mit ihrem Team in Zusammenarbeit mit Modellierexperte Marco Lattuada vom Adolphe Merkle Institut in Fribourg und Medizinern der "Harvard Medical School". Die Idee: eine magnetische Blutreinigung.

Das Prinzip ist, zumindest in der Theorie, einfach. Eisenpartikel werden mit einem Antikörper beschichtet, der die schädlichen Bakterien im Blut aufspürt und bindet. Sobald sich die Eisenpartikel an die Bakterien angelagert haben, lassen sie sich magnetisch aus dem Blut entfernen (J.Mater Chem B. 2016; 4: 7080). 

Ein Antikörper für alles

Einen kleinen Haken hat die Sache allerdings (noch): Bislang war es nur möglich, die Eisenpartikel mit Antikörpern zu beschichten, die lediglich eine Art von Bakterien erkennen konnten – und je nach Art der Sepsis sind andere Erreger im Spiel.

Mithilfe der Blutanalyse müssen Ärzte daher erst eruieren, welche Bakterien die Vergiftung verursachten, ehe die passenden Antikörper eingesetzt werden können.

"Diese Blutanalyse ist zeitintensiv, und bei einer Blutvergiftung spielt Zeit eine überlebenswichtige Rolle", wird Herrmann in der Mitteilung zitiert. Dies ist auch ein Grund, warum eine magnetische Dialyse bislang kaum zum Einsatz kam.

Ein Team der "Harvard Medical School" um Gerald Pier hat nun allerdings einen Antikörper entwickelt, der sämtliche Bakterien, die eine Sepsis auslösen können, an sich binden kann.

Somit könnte bei Verdacht auf Sepsis direkt mit der Magnettherapie begonnen werden, unabhängig davon, welche Erreger sich im Blut befinden, heißt es in der Mitteilung. Mit diesem "Alleskönner"-Antikörper sei es Hermanns Team nun tatsächlich gelungen, Bakterien zu isolieren – ähnlich wie bei einer Dialyse.

Wie schädlich sind die Eisenpartikel?

Noch ist die Methode aber zu wenig ausgereift, um sie bei Patienten einzusetzen. In einem nächsten Schritt will Herrmann Tests mit diversen anderen Keimen durchführen und herausfinden, ob der Harvard-Antikörper tatsächlich noch weitere Bakterien an sich binden kann.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Beschaffenheit der Eisenpartikel. Es kann sein, dass bei der magnetischen Extraktion einige Partikel im Blut zurückbleiben. Die Anforderungen an diese Träger sind also klar: Sie dürfen dem menschlichen Körper keinen Schaden zufügen.

Doch auch hierfür hat das Team bereits eine Lösung parat. Die winzigen Eisenpartikel werden zu größeren Clustern zusammengefügt und sprechen so besser auf den Magneten an. Zudem konnten die Forscher in einer In-vitro-Simulation zeigen, dass die Eisenpartikel nach nur fünf Tagen komplett abgebaut werden.

Dialyse schon während Errregeranalyse

Künftig sollte es also nicht mehr zwingend notwendig sein, bei einem Verdacht auf Sepsis direkt Antibiotika zu verabreichen. Dem Patienten wird Blut zur Diagnose entnommen, und während die Untersuchung auf mögliche Erreger läuft, wird der Patient bereits an ein Dialysegerät angeschlossen, um das Blut zu reinigen – egal, welche Bakterien darin aktiv sind.

Sobald die Ärzte über die detaillierten Blutwerte verfügen, kann dann, falls nötig, noch eine auf den Erreger zugeschnittene Antibiotika-Therapie angehängt werden.

Noch sind viele Fragen ungeklärt. Einerseits ist es zwingend, dass diese Methode im Anfangsstadium einer Sepsis angewendet wird, wenn die Schäden noch nicht vom Blut auf Organe oder Körperfunktionen übergegriffen haben, andererseits gilt auch die Frage, wie gut diese Behandlung bei instabilen oder vorerkrankten Patienten anschlägt. (eb)

Eisenpartikel mit Antikörper-Schicht

Sämtliche Bakterien, die eine Sepsis auslösen können, kann ein neu entwickelter Antikörper an sich binden.

Bei Verdacht auf Sepsis könnte direkt mit der Magnettherapie begonnen werden, unabhängig davon, welche Erreger sich im Blut befinden.

Mehr zum Thema

Grippe-Impfstoffe für die Saison 2026/27

Bestellung von Grippe-Impfstoffen: jetzt!

Infektprophylaxe in der Rheumatologie

Keine Angst vor Rheumaschüben nach Grippeimpfung!

Das könnte Sie auch interessieren
DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

© Matt LaVigne | iStock

Neue in-vitro-Daten

DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

© Irina Esau | Getty Images/iStockphoto

Fokus: Integrität der Haut

Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

© Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Tietz

Pilzinfektion Kopfhaut

Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Für Menschen ab 60 Jahren sind die Impfungen gegen Influenza, Corona, Pneumokokken und Herpes zoster (beide nicht im Bild) Standard-Impfungen. Für Menschen ab 75 Jahren kommt die RSV-Impfung hinzu.

© angellodeco / stock.adobe.com

Respiratorisches Synzytial Virus

STIKO: Alle Menschen ab 75 gegen RSV impfen!

Blickdiagnose: klinisches Bild mit typischen Effloreszenzen bei Herpes zoster.

© Mumemories / Getty Images / iStock

Zoster-Impfung

Schutz vor Herpes zoster und Rezidiven

Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Mittlere Veränderung des DAS28-CRP bis Woche 52 gegenüber Ausgangswert (primärer Wirksamkeitsendpunkt)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Anti-TNF-Therapie

Erstes Golimumab-Biosimilar erweitert Therapiespielräume bei RA, PsA, axSpA und pJIA

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Advanz Pharma GmbH, München
Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

© Oleh / stock.adobe.com

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Lilly Deutschland GmbH, Bad Homburg v.d.H.
Abb. 2: ADA und nAb unter AVT05 und Referenz-Golimumab bis Woche 16

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Colitis ulcerosa

Das erste Golimumab-Biosimilar erweitert die Therapieoption bei entzündlichen Erkrankungen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Advanz Pharma GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Halitosis

Was hinter Mundgeruch stecken kann

Lesetipps
Beratung Ärztin und Patientin

© Krakenimages.com / stock.adobe.com

Praktische Tipps

Beratungsfall Patientenverfügung – worauf es ankommt