"Alzheimer-Diagnose fällt Ärzten oft schwer"

Die Betreuung Demenz-Kranker und ihrer Familien kostet viel Kraft und Zeit. Dafür fehlen Ärzten oft die Ressourcen, kann der Neurologe Dr. Stefan Ries anhand einer Haus- und Fachärztebefragung belegen.

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Die Betreuung von demenzkranken Patienten kostet viel Zeit. Diese fehlt Ärzten jedoch häufig.

Die Betreuung von demenzkranken Patienten kostet viel Zeit. Diese fehlt Ärzten jedoch häufig.

© Foto: dpa

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Ries, Sie sind selbst Neurologe. Wo drückt den Ärzten der Schuh?

Dr. Stefan Ries: Ganz klar ist, die Kollegen sind unzufrieden mit der Versorgung der Demenz-Patienten. Die Grundprobleme sind Zeit- und Budgetlimits. Herausforderungen sind die Diagnosestellung und die daran anschließende Behandlung der Alzheimer-Patienten und deren Angehörigen. Die Betreuung eines Alzheimer-Patienten verlangt vom Arzt sehr viel ab.

Ärzte Zeitung: Wo genau liegen die Probleme?

Ries: Es beginnt schon damit, dass wir Demenzpatienten zeitnah keinen Termin geben können. Wird jemand mit Demenzverdacht von seinem Hausarzt überwiesen, kann es bis zu zwei Monate dauern, bis er einen Termin beim Facharzt bekommt. Aber gerade solche Patienten haben ein ganz großes Bedürfnis, aufgeklärt zu werden. Und auch deren Angehörige kommen mit ihren Nöten in unsere Praxis und wollen zeitaufwendige Gespräche. Zu vermitteln, was die Diagnose Alzheimer für den einzelnen und seine Angehörigen bedeutet, das ist aber sehr kräftezehrend, das ist nicht trivial. Umso wichtiger ist es, bestehende Ressourcen zu erkennen und dann auch zu nutzen. Genau das wollen wir mit unserer Studie erreichen.

Ärzte Zeitung: Weshalb tun sich Ärzte mit der Diagnosestellung schwer?

Ries: Die Diagnose Alzheimer-Demenz ist natürlich eine schlimme Diagnose. Dies erklärt auch, warum gerade im Frühstadium Hausärzte zurückhaltend mit der Übermittlung dieser Hiobsbotschaft sind, zumal in diesem Stadium oft noch eine diagnostische Unsicherheit besteht. Mit der Diagnosestellung einhergehend bedarf es einer intensiven Beratung, insbesondere natürlich auch der mit betroffenen Angehörigen. Dies stellt ein weiteres Hindernis dar. Um der Erkrankung offensiv zu begegnen, ist eine frühzeitige Diagnosestellung wichtig, nämlich zu einem Zeitpunkt, an dem die Therapie noch recht vielversprechend ist.

Ärzte Zeitung: Könnten nicht Liquoranalyse und Bildgebung, wie sie jetzt von Experten zur Diagnose vorgeschlagen werden, den Ärzten bessere Argumente für eine frühe Therapie liefern?

Ries: Solche Konzepte sind dann hilfreich, wenn sie wirtschaftlich darstellbar sind. Wenn Sie sich die Zahl der Patienten mit Alzheimer anschauen, und wollen dann die Diagnose mit Lumbalpunktion erhärten, da stellt sich erneut die Frage: Gibt es dafür genug Ressourcen? Wird der Aufwand adäquat vergütet?

Ärzte Zeitung: Der Erfolg einer Alzheimertherapie lässt sich beim einzelnen Patienten nur schwer kontrollieren. Erschwert auch dies den Ärzten die Therapie-Entscheidung?

Ries: Da die individuellen Verläufe bei Alzheimer sehr unterschiedlich sind, können wir im Einzelfall natürlich nicht sagen, wie der Verlauf ohne Therapie wäre, aber das können wir bei vielen anderen Erkrankungen auch nicht. Trotzdem verordnen wir dann problemlos Medikamente, von denen wir nur statistisch sicher sind, dass sie einen Nutzen haben. So wissen wir bei Hypertonikern im Einzelfall auch nicht, ob die Blutdrucksenkung den Herzinfarkt verhindert. Hier orientieren wir uns an den "Numbers Needed to Treat". Bei Hypertonie gilt das als unkritisch.

Ärzte Zeitung: Bezogen etwa auf den Mini-Mental-Test ist die "Number Needed to Treat" doch auch bei Alzheimer relativ günstig.

Ries: Die Angst der Ärzte, keinen verlässlichen Verlaufsparameter zu haben ist daher ja auch unbegründet und nur durch die jeweilige Verunsicherung zu erklären.

Ärzte Zeitung: Bald werden weitere Daten der Befragung veröffentlicht. Was versprechen Sie sich davon?

Ries: Je besser die "Unmet Needs" der Ärzte bekannt sind, umso eher können Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Wir wollen schauen: Wie lässt sich unter den jetzigen Rahmenbedingungen die Diagnosesicherung erleichtern, wie die Verlaufsdokumentation verbessern, wie die Aufklärung von Angehörigen und Betroffenen optimieren. Schließlich kommt eine riesige Versorgungslawine auf uns zu, bei der man versuchen muss, das Schicksal demenzkranker Menschen und ihrer Angehörigen in seinem Praxisalltag mitzutragen.

Das Gespräch führte Thomas Müller

Dr. med Stefan Ries

Dr. med Stefan Ries ist niedergelassener Neurologe im Neuro Centrum Odenwald, einer überregionalen Gemeinschaftspraxis in Groß Umstadt und Erbach. Ries ist zudem Leiter der Ärzte-Befragung zu den Motivationen und Barrieren in der Alzheimer-Therapie, initiiert von Eisai und Pfizer. In dieser Untersuchung wurden Haus- und Fachärzte zur Versorgung Demenz-Kranker in Deutschland befragt.

Befragung deckt große Verunsicherung auf

Nicht nur Kosten- und Zeitnöte, vor allem Diagnose und Therapie stellen Haus- und Fachärzte vor große Probleme in der Versorgung Demenz-Kranker. Darauf weisen erste Ergebnisse einer von Eisai und Pfizer unterstützten Befragung.

An der Untersuchung haben über 200 Hausärzte, niedergelassene Neurologen, Psychiater sowie Fachärzte für Nervenheilkunde aus Deutschland teilgenommen. In der qualitativen Vorstufe der Untersuchung wurden zunächst jeweils acht Hausärzte und Fachärzte in Gesprächen zu ihren Motivationen, Emotionen, Einstellungen und Erfahrungen im Umgang mit Alzheimer-Patienten befragt. Themen der zweistündigen Gruppendiskussionen waren auch Therapie und Kommunikation mit Patienten und Angehörigen.

In einer zweiten, quantitativen Stufe wurden insgesamt 216 Haus- und Fachärzte repräsentativ über Online-Interviews zur Versorgung von Demenzkranken befragt. Im Blickpunkt standen hier die Wahrnehmung der Versorgungssituation, die Diagnose, Therapie und Patientenführung. Die Ergebnisse der zweiten Stufe werden in kürze vorgestellt. Bereits aus den Gruppendiskussionen ergab sich, dass vor allem die Hausärzte bei der Diagnose oft verunsichert sind, da Alzheimer weiterhin primär eine Ausschlussdiagnose ist. "Viele wägen erst einmal ab und prüfen, ob es andere Ursachen geben könnte", so der Neurologe und Studienleiter Dr. Stefan Ries.

Ein weiteres Problem: "Ärzte müssen jeweils zwischen den Kosten für das Gesundheitssystem und dem notwendigen Nutzen für den Patienten abwägen", so Ries. Dieses Dilemma erscheine für die Befragten oft als unlösbar und führt zu einer Unsicherheit im Umgang mit den Therapiemöglichkeiten. (mut)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Die Angst der Ärzte vor der Diagnose

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