Arbeitsunfähigkeit

Armutsfaktor Gelenkerkrankung

Gelenkerkrankungen wie Rheumatoide Arthritis sind australischen Forschern zufolge ein wichtiger Armutsfaktor: Weil Erkrankte oft nicht mehr wie bisher am Arbeitsleben teilnehmen können, steigt die Gefahr, unter die Armutsgrenze zu rutschen.

Von Dr. Elke Oberhofer Veröffentlicht:

SYDNEY. An Rheumatoider Arthritis (RA) zu erkranken bedeutet für viele Menschen, nicht mehr wie bisher mit voller Leistungskraft am Arbeitsleben teilhaben zu können. Dass sich ein solches Leiden auf die Einkommensverhältnisse niederschlägt, wird jetzt durch eine Longitudinalstudie der Universität Sydney bestätigt (Arthritis Rheumatol 2015, online 8. September).

Hier war die Wahrscheinlichkeit, unter die Armutsgrenze zu fallen, bei Patienten mit einer neu diagnostizierten Gelenkerkrankung deutlich höher als bei Nichterkrankten.

Emily J. Callander und Deborah J. Schofield hatten sich für ihre Studie 4243 Australier / -innen herausgesucht, die erstmals 2007 und danach jährlich bis 2012 an einer repräsentativen Umfrage zum Haushaltseinkommen teilgenommen hatten (HILDA*-Survey).

Ausgewählt hatte man nur Teilnehmer, die zu Studienbeginn an den Gelenken gesund waren und deren Pro-Kopf-Einkommen nicht weniger als die Hälfte des australischen Durchschnittseinkommens (pro Haushaltsmitglied) betrug, damit also über der von den Forschern definierten Armutsgrenze lag.

"Arthritis"-Diagnose zählte

Identifiziert wurden nun diejenigen Probanden, die berichteten, zwischen 2007 und 2009 vom Arzt eine "Arthritis"-Diagnose erhalten zu haben. Im englischen Originaltext beschränken sich die Autorinnen auf den Ausdruck "arthritis"; darunter kann man im Deutschen sowohl die Rheumatoide Arthritis (RA), als auch verschiedene Arthroseformen verstehen.

In den Jahren danach wurde die Einkommensentwicklung beobachtet, wobei bei der Berechnung des Einkommens neben Löhnen und Gehältern auch Firmeneinnahmen, Investitionserträge sowie Pensionen und staatliche Zuwendungen berücksichtigt wurden.

Wie die Forscherinnen berichten, hatten zwischen 2007 und 2009 genau 300 Menschen nach eigenen Angaben die ärztliche Diagnose "Arthritis" gestellt bekommen, und zwar ebenso viele Männer wie Frauen.

Nach Callander und Schofield war der Anteil derjenigen, die innerhalb von fünf Jahren in ärmlichen Verhältnissen lebten, bei den "Arthritis"-Patienten signifikant höher als bei denjenigen, die von Gelenkerkrankungen verschont geblieben waren (24 gegenüber 14 Prozent).

Dabei zeigte sich ein deutlicher Geschlechterunterschied: Frauen hatten ein um 51 Prozent, Männer ein um 22 Prozent erhöhtes Armutsrisiko, wenn sie zuvor eine RA oder dergleichen entwickelt hatten.

Ein Haus zu besitzen oder verheiratet zu sein, senkte erwartungsgemäß das Risiko zu verarmen, und auch jüngere Teilnehmer waren deutlich seltener betroffen.

In einer weiteren Analyse hatten die Autorinnen solche Einflussfaktoren rechnerisch eliminiert und auch anderweitige gesundheitliche Probleme sowie Bildungsunterschiede berücksichtigt. Ergebnis: Das erhöhte Armutsrisiko bei den Gelenkpatienten blieb bestehen.

Und nicht nur das; der Einfluss des Geschlechts verstärkte sich in diesem "multidimensionalen" Modell noch: Um 87 Prozent stieg das Risiko bei den Frauen, um 29 Prozent bei den Männern, jeweils im Vergleich zu Teilnehmern, deren Gelenke im fraglichen Zeitraum gesund geblieben waren.

Gefahr zu Beginn am größten

Am größten war die Wahrscheinlichkeit, in finanzielle Nöte zu geraten, in den ersten drei Jahren nach der Diagnose. Dies, so die Autorinnen, sei im Einklang mit früheren Studienergebnissen, nach denen die Arbeitskraft von Patienten mit einer Gelenkerkrankung bereits kurz nach der Diagnose stark abfalle.

Inwieweit sich die Ergebnisse auf die Verhältnisse des deutschen Gesundheits- und Sozialsystems übertragen lassen, bleibt dahingestellt. Die Studie hat außerdem methodische Schwächen; dazu zählt unter anderem die Tatsache, dass die Ergebnisse auf Selbstauskünften der Teilnehmer beruhen.

Vor allem aber wurde in der Befragung versäumt, zwischen den verschiedenen Formen von Gelenkerkrankungen zu differenzieren.

Die australischen Forscherinnen verweisen nichtsdestotrotz auf Studien, die den Nutzen einer frühzeitigen aggressiven Therapie mit krankheitsmodifizierenden Antirheumatika belegen: Diese sollen den Betroffenen helfen, im Arbeitsalltag integriert zu bleiben.

*HILDA: Household Income and Labour Dynamics in Australia

Mehr zum Thema
Kommentare
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Finanzierung der Telematikinfrastruktur

Streit um TI-Pauschale: KBV zieht Eilantrag zurück

Lesetipps
Mehrkosten für die Entbudgetierung der hausärztlichen Versorgung seien Investition in den Erhalt der Praxen, betont Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. 

© Michael Kappeler / dpa

Kabinett winkt GVSG durch

Lauterbach macht Hausarztpraxen Mut: „Jede Leistung wird bezahlt“

Brücke zwischen zwei Steilklippen. Auf der Brücke stehen zwei Menschen.

© Usman / stock.adobe.com

Aktuelle Forschung

Antikörper – die Verkuppler der Krebsmedizin

Heiße Nächte können nicht nur nervig sein. Sie gehen auch mit einem höheren Risiko für Schlaganfälle einher, so das Ergebnis einer Studie aus München und Augsburg.

© samuel / stock.adobe.com

Studie mit Daten zu 11.000 Schlaganfällen

Tropische Nächte sind offenbar ein Risikofaktor für Schlaganfälle