Wichtig für Frauen mit Krebs

Chemotherapie beeinträchtigt die Fertilität

Eine Chemotherapie bei jungen Frauen mit primärem Brustkrebs kann die Ovarialfunktion so stark beeinträchtigen, dass sie selbst nach zwei Jahren nicht wieder das Niveau vor der Therapie erreicht.

Von Peter LeinerPeter Leiner Veröffentlicht:
Fast ein Drittel aller Frauen mit Brustkrebs vor der Menopause hegt noch einen Kinderwunsch.

Fast ein Drittel aller Frauen mit Brustkrebs vor der Menopause hegt noch einen Kinderwunsch.

© Photographee.eu / stock.adobe.com

KIEL. Welchen genauen Effekt eine Chemotherapie auf die Ovarialfunktion von jungen Frauen mit Brustkrebs hat, haben Ärzte um die Gynäkologin Dr. Antonia Wenners vom Uniklinikum Schleswig-Holstein in Kiel in einer prospektiven Studie untersucht (BMC Cancer 2017; online 6. September). Daran nahmen 51 Frauen im Alter zwischen 28 und 46 Jahren teil, die wegen Brustkrebs zwischen 2010 und 2014 (neo-)adjuvant behandelt wurden. Insgesamt vier Mal wurden die Patientinnen im Studienzeitraum mithilfe der transvaginalen Sonografie untersucht, davon einmal vor Beginn der Chemotherapie und dann sechs, zwölf und 24 Monate danach. Mit der Sonografie ließen sich die antrale Follikelzahl, die Endometriumdicke sowie das Ovarialvolumen bestimmen.

Ovarialfunktion beurteilt

Zu jedem dieser Zeitpunkte wurden zur Beurteilung der Ovarialfunktion das Anti-Müller-Hormon (AMH), Östrogen, FSH, LH, Prolaktin sowie Testosteron im Blut gemessen, und zwar mithilfe eines Elektrochemilumineszenz-Immunoassays. Als Standardreferenz für AMH galt an der Klinik ein Bereich zwischen 2,0 und 6,8 ng/ml. Die Bestimmung der Follikelzahl erfolgte beidseitig, und zwar am dritten bis fünften Zyklustag. Als chemotherapieinduzierte Amenorrhö war ein Ausbleiben der Regelblutung innerhalb des ersten halben Jahres nach Beginn der Chemotherapie definiert.

Insgesamt 18 Patientinnen erhielten das FEC-Chemotherapieregime (5-Fluorouracil, Epirubicin, Cyclophosphamid), 30 Patientinnen eine Kombination mit einem Taxan (Docetaxel, Doxorubicin, Cyclophosphamid oder FEC / Docetaxel oder Epirubicin, Cyclophosphamid / Paclitaxel) und drei Patientinnen ein anthrazyklinfreies Regime aus Cyclophosphamid, Methotrexat, 5-Fluorouracil oder Docetaxel. Nach Angaben der Ärzte erhielten die 32 Frauen, die Östrogen-/Progesteronrezeptor-positiv waren, Tamoxifen. 19 Patientinnen seien rezeptornegativ gewesen, und sieben seien mit einem GnRH-Agonisten behandelt worden. Insgesamt 44 Studienteilnehmerinnen hätten alle vier vorgegebenen Termine wahrgenommen. Vier Frauen seien im Studienverlauf gestorben, ebenso viele hätten ihr Einverständnis zur Studienteilnahme zurückgezogen.

Nach Angaben der Autoren sank die Zahl der antralen Follikel im Verlauf der Studie drastisch, und zwar von 8,5 bei der ersten Messung bis zu Werten zwischen 2,1 und 1,8 bei den darauffolgenden Messungen. Die vor der Chemotherapie gemessenen Werte seien bis zum Ende der Beobachtungszeit nicht mehr erreicht worden. Auch die Werte für das Anti-Müller-Hormon nahmen signifikant ab, und zwar von 1,28 ng/ml auf Werte zwischen 0,16 und 0,19 ng/ml. Das seien Zeichen dafür, dass die meisten Primordialfollikel durch die Chemotherapie geschädigt würden, so die Ärzte. Schließlich war die Chemotherapie auch mit einer Verringerung des Ovarialvolumens assoziiert, jedoch nur zwischen der ersten und zweiten Bestimmung, und zwar von 6,4 auf 2,7 ml. Danach nahm das Volumen wieder leicht auf 3,1 bzw. 3,8 ml zu. Eine Assoziation zwischen den Werten des Anti-Müller-Hormons und der Dauer der Amenorrhö konnten die Ärzte nicht feststellen. Bei zwei von drei Patientinnen blieb auch nach zwei Jahren die Regelblutung aus.

Individuelle Beratung

Aufgrund dieser vorläufigen Studienergebnisse plädieren Wenners und ihre Kollegen dafür, vor Beginn einer Chemotherapie eine transvaginale Untersuchung und eine Bestimmung der Serumparameter vorzunehmen. Auf den Ergebnissen könne dann eine individuelle Beratung im Zusammenhang mit einem Erhalt der Fertilität aufbauen. Weltweit erhielten nur 50 Prozent der Betroffenen eine solche Beratung. So würden viele Patientinnen eine Chemotherapie beginnen, ohne über mögliche Folgen für die Fertilität informiert zu sein. Das sei beunruhigend, wenn man bedenke, dass fast ein Drittel aller Frauen mit Brustkrebs vor der Menopause noch einen Kinderwunsch hege.

Studienergebnisse in Kürze
  • Die Zahl der antralen Follikel sank im Verlauf der Studie von 8,5 bei der ersten Messung vor der Chemotherapie bis zu Werten zwischen 2,1 und 1,8 bei Messungen nach der Therapie.
  • Die Werte für das Anti-Müller-Hormon nahmen signifikant ab, und zwar von 1,28 ng/ml auf Werte zwischen 0,16 und 0,19 ng/ml.
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