Direkt zum Inhaltsbereich

Chronisch erschöpft - und dazu unverstanden

ME/CFS lauten die Kürzel für eine Krankheit, die bis heute rätselhaft ist: das chronische Erschöpfungssyndrom, im Englischen Chronic Fatigue Syndrome (CFS) oder myalgische Enzephalitis (ME). Die oft schwer kranken Patienten empören sich über das allgemeine Unverständnis.

Von Angela Speth Veröffentlicht:
Alltagstätigkeiten fallen CFS-Patienten - zu zwei Drittel sind es Frauen - so schwer wie anderen Menschen etwa eine Bergbesteigung. © bilderbox/Fotolia.de

Alltagstätigkeiten fallen CFS-Patienten - zu zwei Drittel sind es Frauen - so schwer wie anderen Menschen etwa eine Bergbesteigung. © bilderbox/Fotolia.de

© bilderbox/Fotolia.de

NEU-ISENBURG. Die englische Krankenschwester Florence Nightingale, berühmt geworden durch ihren Einsatz für verwundete Soldaten im Krimkrieg, wurde mit 35 Jahren von schwerer Erschöpfung befallen und war danach die 50 Jahre bis zu ihrem Tod bettlägerig. Die Begründerin der Pflegewissenschaften, deren Geburtstag am 12. Mai seit 1995 zum Internationalen CFS-Tag ausgerufen wird, ist ein Paradebeispiel dafür, dass die Krankheit oft Menschen trifft, die mitten im Leben stehen. "Früher sprühte ich vor Energie, ich war sportlich, gesellig, zufrieden", erzählt eine Patientin. "Heute fühle ich mich ständig so, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen." CFS-Kranke sind durch starke Erschöpfung wie gelähmt, haben häufig Kopf-, Hals-, Gelenk- oder Muskelschmerzen, fühlen sich nach dem Schlafen nicht erholt, nach Anstrengungen noch schlechter, können sich kaum konzentrieren und haben Gedächtnisausfälle.

Den Kriterien zufolge beeinträchtigt CFS sowohl die körperlichen als auch die geistigen Fähigkeiten, ist nicht durch andere Ursachen bedingt, hat schlagartig begonnen und dauert seit mehr als sechs Monaten. Nach epidemiologischen Studien beträgt die Prävalenz 0,4 Prozent, in Deutschland leben schätzungsweise 300 000 Menschen damit, zwei Drittel sind Frauen. Meist erkranken sie im Alter von 30 bis 45 Jahren, und bloß ein Zehntel erholt sich wieder.

CFS lässt sich bislang nicht durch Labortests oder bildgebende Verfahren diagnostizieren. Erschwerend kommt hinzu, dass es mit unspezifischen Symptomen einhergeht. So hat bis zu einem Viertel aller Patienten, die einen Hausarzt aufsuchen, Erschöpfungszustände. CFS ist daher eine Ausschlussdiagnose nach Abklärung etwa von Aids, Anämie, Hepatitis, Diabetes, Fibromyalgie, HIV, Borreliose, Karzinome, MS, Parkinson, Schlafapnoe, Schilddrüsenüber- oder unterfunktion, von Ängsten oder Depressionen. Aber: Solche psychischen Störungen, die wie bei anderen chronischen Krankheiten bei einem Drittel der CFS-Patienten vorliegen, können sekundäre Reaktionen sein.

Wie die Krankheit entsteht, ist schleierhaft. Hypothesen zufolge wird das Immunsystem durch Zusammenspiel mehrerer Auslöser chronisch geschwächt oder aktiviert. Fast immer geht ein Infekt voraus. Im Verdacht: intrazelluläre Erreger wie Mykoplasmen, Chlamydien oder Borrelien, aber auch Viren wie das Epstein-Barr-Virus. Ende 2009 meldeten Forscher, sie hätten bei 67 Prozent der untersuchten CFS-Kranken das Retrovirus XMRV entdeckt, das sonst nur bei vier Prozent der Bevölkerung vorkommt. Doch womöglich verliert sich die Spur: In einer Studie von 2010 fand es sich bei keinem der 186 Patienten.

Eine ursächliche Behandlung existiert nicht, so behilft man sich, Mangelzustände auszugleichen, die Ernährung umzustellen, Immun-, Physio-, Psycho- oder Schmerztherapie zu machen. Auch können sich die Patienten im Sinne des Coping auf ihre Krankheit einstellen. Empfohlen wird außerdem das "Pacing": nur so weit aktiv zu sein, dass die individuelle Grenze nicht überschritten wird.

Die Folgen von CFS sind verheerend: Viele Patienten können über Monate und Jahre hinweg nicht arbeiten, ja kaum den Alltag bewältigen, selbst so einfache Verrichtungen wie Duschen oder Kochen werden zu einem Kraftakt. Kontakte zerbrechen, zumal Freunde und Bekannte das merkwürdige Verhalten nicht nachvollziehen können. Es ist dieses Unverständnis, das die Patienten in die Verzweiflung treibt und ihnen ebenso zusetzt wie die Symptome selbst. "Nur Einbildung", "rein psychisch", "lass dich nicht so hängen", lauteten die Kommentare, kritisiert das Bündnis ME/CFS. Auch Ärzten mangele es an Kenntnissen, oder sie zweifelten an der Existenz der Krankheit, dabei habe die WHO sie schon vor über 40 Jahren als Erkrankung des zentralen Nervensystems unter G 93.3 klassifiziert. Gegen diese Vorgabe verstießen die deutschen AWMF-Leitlinien mit der Einordnung als psychiatrische Krankheit. Tatsächlich handele es sich um eine organische, und zwar neurologische Störung.

Lesen Sie dazu auch: Chronisch erschöpft - und dazu unverstanden Bündnis ME/CFS macht eine erste öffentliche Aktion Gesprächstherapie bei CFS ohne Nutzen

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

Ofatumumab zeigt günstiges 8-Jahres-Sicherheitsprofil

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Überzeugende Real-World-Daten zur Langzeitprophylaxe

© AndreasReh, Ljupco, tinydevil, shapecharge | istock

rHWI

Überzeugende Real-World-Daten zur Langzeitprophylaxe

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Antibiotikum mit antimykotischen Zusatznutzen

© Dr_Microbe | Adobe Stock

In vitro-Studien

Antibiotikum mit antimykotischen Zusatznutzen

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Therapie bei unkomplizierter Zystitis

© Dr_Microbe | Adobe Stock

Evidenz, Resistenz & Wirksamkeit

Therapie bei unkomplizierter Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Ofatumumab zeigt günstiges 8-Jahres-Sicherheitsprofil

© William / Generated with AI / Stock.adobe.com

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

Ofatumumab zeigt günstiges 8-Jahres-Sicherheitsprofil

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Abb. 1: WAYPOINT-Studie: schnelle und signifikante Reduktion des SNOT-22-Scores über 52 Wochen

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [6]

Schwere, unkontrollierte CRSwNP

Wirkansatz an epithelialen Alarminen

Sonderbericht | Beauftragt und finanziert durch: AstraZeneca GmbH, Hamburg
Abb. 1: Signalkaskade der kardiovaskulären Inflammation

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [9]

Sekundärprophylaxe nach Herzinfarkt

Therapie der kardiovaskulären Inflammation senkt das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: APONTIS PHARMA Deutschland GmbH & Co. KG
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Neudefinition mit praktischen Konsequenzen

COPD: Schon ab einer moderaten Exazerbation in Gruppe E!

Kaum erforscht

Mit Lungenfibrose wird das Sexleben zum Problem

Lesetipps
Es muss nicht immer die ganze Packung sein. Bei Abklingen der Symptome reicht oft eine kürzere Dauer der Antibiotikatherapie.

© umang / stock.adobe.com

Kürzer ist oft besser

Wann ein Antibiotikum früher abgesetzt werden kann