DDG-Kongress: Leitlinien-Pläne sorgen für Zündstoff

Heute beginnt die Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Für Brisanz sorgt im Vorfeld eine geplante Leitlinie für Typ-2-Diabetiker - herausgegeben von der europäischen und von der amerikanischen Fachgesellschaft. Darin werden keine generellen strengen Blutzuckerziele mehr empfohlen.

Von Dr. Elke Oberhofer Veröffentlicht:
Blutzuckerziele jetzt abhängig von Alter und Vorschäden.

Blutzuckerziele jetzt abhängig von Alter und Vorschäden.

© lunardi / shutterstock

STUTTGART. Kurz vor Beginn der DDG-Jahrestagung hat das gemeinsame Positionspapier der American Diabetes Association (ADA) und der European Association for the Study of Diabetes (EASD) für Zündstoff gesorgt.

Darin rücken die Fachgesellschaften von exakten Algorithmen mit strengen Zielwerten für die Blutzuckereinstellung ab.

Als befreiend empfindet Professor Michael Albrecht Nauck vom Diabeteszentrum Bad Lauterberg diese Lockerung. "Es wird keine Einheitsmedizin abgesegnet, die weder dem verordnenden Arzt noch dem Patienten schmeckt", sagte der Diabetologe, der an den neuen Empfehlungen mitgearbeitet hat, zur "Ärzte Zeitung".

Therapieziele dürfen nicht zu ehrgeizig sein

Vielmehr könne man die Therapie jetzt stärker nach den klinischen Befunden und Bedürfnissen des Patienten ausrichten. "Dass beim HbA1c keine Zahl mehr steht, ist nicht wichtig", betonte Nauck.

"Wir streben grundsätzlich immer dann eine normnahe Einstellung an, wenn der Patient eine lange Lebenserwartung hat, und wenn die Einstellung mit bewährten Medikamenten und vertretbarem Aufwand gelingt." Dann sei ein HbA1c von 6,5 Prozent durchaus vertretbar.

Nauck warnt jedoch vor zu ehrgeizigen Therapiezielen, vor allem bei alten Patienten mit kardiovaskulären Schädigungen. Die ACCORD-Studie habe gelehrt, dass man nicht versuchen sollte, "ein Medikament nach dem anderen zu geben und die Dosis ins Unendliche zu steigern."

In der intensiv therapierten ACCORD-Gruppe mit einem HbA1c-Ziel von unter 6,0 Prozent war es zu einer um 22 Prozent erhöhten Sterberate gekommen.

Bei Medikamentenwahl Prioritäten setzen

Nauck gibt ein Beispiel: Läge bei einem über 90-Jährigen nach Herzinfarkt der HbA1c unter Metformintherapie bei 8 Prozent, sollte man es tunlichst vermeiden, Insulin zu verordnen, weil hier Hypoglykämien ein viel größeres Risiko darstellen als der erhöhte Blutzucker.

Herzrhythmusstörungen oder Stürze durch Hypoglykämien sind hier besonders riskant. Alte Patienten mit Typ-2-Diabetes haben zudem oft eine eingeschränkte Nierenfunktion und nehmen häufig mehrere Medikamente gleichzeitig ein, was zu gefährlichen Wechselwirkungen führen kann. Zudem sind viele Senioren mit einer intensivierten Insulintherapie oft schlichtweg überfordert.

Auch bei Bergsteigern oder Tauchern sei es "ungeheuer wichtig, Hypoglykämien zu vermeiden, weil diese in bestimmten Situationen leicht lebensgefährlich werden können", so Nauck weiter. Bei der Medikamentenauswahl müsse man in Absprache mit dem Patienten Prioritäten setzen.

Dies gelte zum Beispiel auch für Medikamente, die eine Gewichtszunahme fördern. Bei den Patienten bestehe oft ein sehr ausgeprägter Wunsch, Gewicht loszuwerden. "Und wenn sie sich schon Mühe geben, dieses Ziel mit Ernährung und Bewegung zu erreichen, dann sollte man das nicht durch Medikamente konterkarieren, die das Gegenteil bewirken."

"Sehr weit aus dem Fenster gelehnt"

Mit ihren bisherigen Empfehlungen zu bestimmten Antidiabetika hatten sich ADA und EASD teilweise "sehr weit aus dem Fenster gelehnt", kritisierte Nauck. So wurden Sulfonylharnstoffe generell als zweites Mittel nach Metformin in der Therapie bei Typ-2-Diabetes propagiert.

Die Datenlage gebe jedoch so eine Bevorzugung nicht her. In den neuen Empfehlungen sind daher Glitazone, DPP-4-Hemmer, GLP-1-Agonisten und Insulin auf einer Ebene mit Sulfonylharnstoffen genannt.

Nach wie vor haben nach der Diabetesdiagnose Maßnahmen zur Lebensstiländerung Priorität. Dabei kommt es von Anfang an auf das "Mitmachen" an. Hoch motivierten Patienten, deren HbA1c schon nahe an den individuellen Zielwert herankommt, kann man eine Frist von drei bis sechs Monaten geben, ehe man zur medikamentösen Therapie rät.

Bei absehbar schlechtem "Commitment" kann es dagegen sinnvoll sein, von vornherein mit Metformin zu beginnen, heißt es in den Empfehlungen von ADA und EASD. Eine offizielle Stellungnahme der DDG zu dem Positionspapier liegt zum heutigen Kongressbeginn noch nicht vor.

Anregungen, die Leitlinien der DDG zu überarbeiten, gibt es jedoch bereits, verrät Nauck: "Ich könnte mir vorstellen, dass hier wesentliche Elemente dieses patientenzentrierten Ansatzes übernommen werden".

Zum Kongressprogramm

Zum ADA/EASD Positionspapier

Quelle: www.springermedizin.de

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