"Das Gefährliche an der Tuberkulose ist, sie zu unterschätzen"

BERLIN (ble). Trotz weiter rückläufiger Infektionszahlen sehen Experten für Deutschland ein steigendes Risiko durch importierte Tuberkulose-Erreger aus den osteuropäischen Nachbarstaaten. Vor allem die so genannte multiresistente MDR-Tuberkulose bereitet den Medizinern zunehmend Kopfzerbrechen.

Veröffentlicht:

MDR steht für "Multi Drug Resistance". "Wir bekommen aus Osteuropa eine neue Form der Tuberkulose. Die MDR-Tuberkulose nimmt dramatisch zu", sagt Dr. Dietrich Rohde, Ehrenvorsitzender des Bundesverbandes der Pneumologen und Vorstandsmitglied der Ärztekammer Nordrhein. "Wir kriegen die Tuberkulose jetzt mit einem neuen Gesicht wieder zurück."

Bis 2002 war Rohde niedergelassener Pneumologe in Mülheim an der Ruhr. Seitdem leitet er ein humanitäres Hilfs-Projekt im russischen Kaliningrad. Die Erfahrungen, die er in der Region gemacht hat, geben ihm Anlass zur Sorge: "Wenn ich die Situation in Russland sehe, dann graust es mir. Die Verbreitung nimmt dort exponentiell zu."

Gegen eine Rückkehr der Tuberkulose ist Deutschland Rohde zufolge schlecht gerüstet. Viele Hausärzte und hausärztlich tätige Internisten hätten heute kaum noch Erfahrung mit Tuberkulose-Patienten. Hinzu komme, dass die Zahl der Pneumologen und niedergelassenen internistischen Spezialisten mit pneumologischem Schwerpunkt nicht ausreiche. Etwa 1300 solcher Spezialisten in Praxen oder Kliniken gibt es bisher, bundesweit nötig aber wären nach Angaben von Rohde etwa 4000 Kollegen mit entsprechender Spezialisierung.

Für Dr. Walter Haas, Leiter des Fachgebiets für respiratorische Erkrankungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin, sind allerdings vor allem Allgemeinärzte gefordert. "Es ist wichtig, dass auch in der hausärztlichen Allgemeinpraxis daran gedacht wird, dass es die Tuberkulose noch gibt", sagt er. Inzwischen sei die Krankheit aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden, beklagt er. "Dadurch geht viel Wissen sowohl bei der Diagnostik als auch bei der Therapie für eine schnelle Unterbrechung von Infektketten verloren", so Haas.

Bundesweit gebe es zudem zu wenig Weiterbildungsstellen sowie Lehrstühle an den Universitäten, an denen Infektiologen ihr Wissen weitergeben können. "Das Gefährliche an der Tuberkulose ist, sie zu unterschätzen. Eine Infektion muss nicht zwingend heute zu einer Erkrankung führen, sondern kann noch nach Jahrzehnten ausbrechen", so Haas.

Der RKI-Experte warnte zudem vor den Kostenfolgen der Erkrankung. So schlage die Behandlung eines Patienten mit MDR-Tuberkulose im Vergleich zu herkömmlichen Erregern teilweise mit dem 100fachen Euro-Betrag zu Buche.

Im Jahr 2005 sind nach Angaben des RKI in Deutschland 6045 Menschen an Tuberkulose erkrankt. In fast 2000 Fällen, etwa einem Drittel, waren ausländische Staatsangehörige davon betroffen.

Das könnte Sie auch interessieren
Alarmierender Anstieg: Hautpilz aus dem Barbershop

© David Pereiras | iStock (Symboldbild mit Fotomodell)

Dermatomykosen

Alarmierender Anstieg: Hautpilz aus dem Barbershop

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Effektive Therapie von Nagelpilz: Canesten® EXTRA Nagelset

© Irina Tiumentseva | iStock

Onychomykosen

Effektive Therapie von Nagelpilz: Canesten® EXTRA Nagelset

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Für Menschen ab 60 Jahren sind die Impfungen gegen Influenza, Corona, Pneumokokken und Herpes zoster (beide nicht im Bild) Standard-Impfungen. Für Menschen ab 75 Jahren kommt die RSV-Impfung hinzu.

© angellodeco / stock.adobe.com

Respiratorisches Synzytial Virus

STIKO: Alle Menschen ab 75 gegen RSV impfen!

Blickdiagnose: klinisches Bild mit typischen Effloreszenzen bei Herpes zoster.

© Mumemories / Getty Images / iStock

Zoster-Impfung

Schutz vor Herpes zoster und Rezidiven

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 2: Infusionsschema der REGENCY-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Neue Therapieoption bei Lupus-Nephritis verfügbar

Obinutuzumab verbessert Nierenoutcomes bei Lupus-Nephritis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen
Abb. 1-- Zeit bis zum ersten Ereignis (Tod durch jegliche Ursache oder kardiovaskuläres Ereignisb) in der Gesamtpopulation (a) bzw. in der Monotherapie-Population (b).

© Springer Medizin Verlag

Mit Vutrisiran früh kausal behandeln

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Fallstricke in der Praxis

Häufige Fehler in der Hypertonie-Therapie: So geht’s besser!

Praxis-PC, Konnektor und andere Elektrogeräte

Elektroschrott: Wie Praxen Altgeräte sicher entsorgen

Lesetipps
Knochen schematisch dargestellt

© crevis - stock.adobe.com

Komplikationen

Bei Diabetes mellitus auch die Knochen in den Blick nehmen

Plaque im Gefäß

© Dr_Kateryna / Fotolia

Metaanalyse

Keine Evidenz für die meisten Statin-Nebenwirkungen