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HINTERGRUND

Das Mammut-Projekt EPIC liefert erste Daten, wie Obst und Gemüse vor Krebs schützen

Von Nicola Siegmund-Schultze Veröffentlicht:

Bei bis zu 30 Prozent der Krebserkrankungen wird heute ein Zusammenhang mit der Ernährung angenommen. Das schätzt auch die International Agency for Research on Cancer (IARC) in Lyon, eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation. Aber welche Lebensmittel haben einen Schutzeffekt, und für welche Krebsarten gilt dies? Obst und Gemüse sind seit langem die Haupt-Kandidaten, die vor Krebs schützen sollen, und Ballaststoffe sollen das Risiko kolorektaler Karzinome senken.

"Überzeugend" fand der World Cancer Research Fund noch bis in die 90er Jahre den Einfluß dieser Lebensmittel auf das Krebsrisiko. Im vergangenen Jahr aber stufte ein Expertengremium der IARC diesen Zusammenhang nach einer Metaanalyse auf den Begriff "wahrscheinlich" zurück. Die Debatte war den Veranstaltern des Deutschen Krebskongresses ein Symposium wert. "Wir sind vorsichtiger geworden in unseren Einschätzungen", sagt auch Dr. Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke.

An EPIC nehmen Zentren aus zehn europäischen Ländern teil

Das Institut betreute 27 548 Teilnehmer der EPIC-Studie (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), der größten Studie zum Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebs. Zentren aus zehn europäischen Ländern haben 519 978 Personen zwischen 25 und 70 Jahren eingebracht. Zwischen 1992 und 1998 wurden die Teilnehmer befragt, ihre Gesundheit wird in der Folgezeit von über 20 Jahren dokumentiert. Ein Mammut-Projekt also. "Ein Vorteil der EPIC-Studie im Vergleich zu früheren Untersuchungen ist, daß die Bandbreite der unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten größer ist", sagt Boeing. Zum Beispiel variierte der Obst- und Gemüsekonsum in der EPIC-Studie zwischen unter 100 und mehr als 700 Gramm pro Tag.

Professor Elio Riboli vom IARC, bei dem die Fäden der EPIC-Studie in Lyon zusammenlaufen, weist auch auf die Qualität und Komplexität der erhobenen Daten hin: Allein die Blut- und DNA-Proben stammen von etwa 400 000 Menschen. Die Konzentrationen von Steroidhormonen und Wachstumsfaktoren werden bestimmt, aber auch Gene, die direkt mit Krebs in Verbindung gebracht werden oder mit Insulinresistenz. Diese Daten werden untersucht, ob es Zusammenhänge mit physiologischen Parametern wie Lebensalter bei Beginn von Menarche und Menopause bei den Frauen, Ernährung, Körpergröße, Gewicht und Taille-Hüft-Umfang, Bewegung und Art und Häufigkeit von Tumoren gibt.

Faktoren, die das Entstehen des Mammakarzinoms beeinflussen, werden nach Angaben von Riboli ein Schwerpunkt bei EPIC-Auswertungen sein. "Wir wollen etwa die Frage beantworten helfen, warum die Inzidenz des Mammakarzinoms in den Industrieländern zunimmt", sagt Riboli.

An demographischen Veränderungen allein liege es nicht. Ein Einflußfaktor könne die im Vergleich zu vergangenen Jahrhunderten früher einsetzende Menarche sein. Im 18. Jahrhundert seien die Mädchen in Europa zwischen 16 und 17 Jahren in die Menarche gekommen, heute passiere das im Schnitt um das zwölfte Lebensjahr. Nach einer Studie aus China sei schon eine drei bis vier Jahre später einsetzende Menarche mit einer Reduktion des Lebenszeit-Risikos für ein Mamma-Ca um etwa 40 Prozent assoziiert. "Vielleicht wird der Arzt künftig auch aus den Daten der EPIC-Studie Empfehlungen für junge Mädchen ableiten können, wie sie mit Ernährung und Bewegung ihr Krebsrisiko reduzieren können", so Riboli zur "Ärzte Zeitung". Mit dem Lebensstil könnten sich die Menarche hinauszögern und andere Risiken günstig beeinflussen lassen.

Täglich ein Pfund Gemüse und Obst schützen vor Magenkrebs

Aber schon heute bringt eine Zwischenauswertung der Studie neue Erkenntnisse: Wer durchschnittlich 456 Gramm Obst und Gemüse am Tag ißt, verringert das Magenkrebs-Risiko um 45 Prozent im Vergleich zu jenen, die durchschnittlich nur 287 Gramm zu sich nehmen. Ähnlich stark reduziert ein Pfund Obst am Tag das Risiko für Bronchial-Ca, bei Gemüse und Salat wurde dieser Schutzeffekt nicht gefunden. Für Brust- und Prostata-Ca ergab sich bislang in der EPIC-Studie keine protektive Wirkung von Obst und Gemüse.

Dagegen bestätigte sich, daß Ballaststoffe das Risiko für kolorektale Karzinome senken. Wer durchschnittlich 34 Gramm täglich zu sich nimmt, hat ein um 40 Prozent geringeres Risiko für diese Karzinome als Menschen, die nur zwölf Gramm essen. Der Schutzeffekt ist der EPIC-Studie zu Folge im linken Kolon am größten und im Bereich des Rektums am geringsten. 100 Gramm Obst enthalten drei Gramm Ballaststoffe, Vollkornbrot doppelt so viel.



FAZIT

Aus der EPIC-Studie mit über 500 000 Teilnehmern läßt sich ableiten, daß man mindestens 400 Gramm Obst und Gemüse täglich essen sollte, mindestens 30 Gramm Ballaststoffe und nicht mehr als 30 Gramm Fleischprodukte, um sein Risiko für eine Krebserkrankung möglichst gering zu halten. Der wichtigste Zugewinn an Erkenntnissen aus der EPIC-Studie wird in den kommenden zehn Jahren erwartet.

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