Hintergrund

Das Wechselspiel von Herzinsuffizienz und Schlafapnoe

Schlafbezogene Atemstörungen dürfen nicht getrennt von anderen chronischen Erkrankungen betrachtet werden. Denn Schlafapnoe scheint oft mehr als ein Epiphänomen zu sein. Sie hat prognostische Bedeutung.

Von Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht: 22.10.2010, 05:00 Uhr
Das Wechselspiel von Herzinsuffizienz und Schlafapnoe

Mit Beatmung wird bei Atemstörungen im Schlaf erfolgreich behandelt. Davon profitiert auch das Herz.

© ResMed

WÜRZBURG. Atemstörungen während des Schlafes sind ein kaum anerkanntes und angesichts ihrer Verbreitung wenig diagnostiziertes Problem. So sind zum Beispiel schlafbezogene Atemstörungen und Herzinsuffizienz überzufällig häufig miteinander vergesellschaftet: Mehr als 40 Prozent aller Menschen mit chronischer Herzinsuffizienz leiden an einer schlafbezogenen Atemstörung, so das Ergebnis einer großen deutschen Registerstudie mit mehr als 5800 Herzinsuffizienz-Patienten.

Beide Krankheiten beeinflussen einander. Jeder vierte Patient mit stabiler Herzinsuffizienz sterbe innerhalb von fünf Jahren, wenn er nachts mehr als 15 Apnoe- oder Hypopnoe-Episoden habe, sagte Professor Holger Wöhrle aus Ulm beim Dreiländertreffen Herzinsuffizienz in Würzburg. Das sind doppelt so viele wie bei Patienten mit weniger als 15 Apnoe-/Hypopnoe-Episoden.

Zwei Fragen, so ein Fazit des Expertentreffens, gehörten daher heute unbedingt zur Anamnese hinzu. Erstens: "Hat Ihr Partner festgestellt, dass Sie schnarchen oder Atemaussetzer haben?", und zweitens: "Sind Sie morgens unausgeschlafen oder tagsüber schläfrig - schlafen Sie zum Beispiel vor dem Fernseher ein?" Auch nächtliches Erwachen mit Atemnot ist typisch für Schlafapnoe.

Die Therapie bei schlafbezogenen Atemstörungen lohnt sich. "Die optimale Herzinsuffizienztherapie kann schlafbezogene Atemstörungen bessern, und die Behandlung der obstruktiven Schlafapnoe kann - umgekehrt - kardiovaskuläre Erkrankungen bessern", betont Professor Christine Angermann, Kardiologin aus Würzburg.

Bei Herzinsuffizienz-Patienten mit Schlafapnoe gibt es sogar Hinweise auf verminderte Mortalitätsraten, wenn mit CPAP (kontinuierlicher positiver Atemwegsdruck) behandelt wurde. In einer großen multinationalen Studie wird gerade versucht, dies zu bestätigen - die Ergebnisse werden im Jahr 2014 erwartet.

Wie hängt all dies zusammen? Wer nachts 200 bis 300 Mal "erstickt" - ein durchaus üblicher Befund bei im Schlaflabor untersuchten Patienten, so Wöhrle - dessen normale Schlafarchitektur ist zerstört, der Schlaf ist nicht erholsam.

Wer nicht schläft, leidet an Körper und Seele. Der Körper leidet, weil zentrale Steuerungsmechanismen außer Kontrolle geraten, die Seele leidet, weil das Atemzentrum physisch und funktionell verknüpft ist mit emotionalen Steuerungszentren im Gehirn.

Gemeinsames Bindeglied von Schlafapnoe, Herzkreislauf-Erkrankungen wie Hypertonie oder Herzinsuffizienz scheine ein erhöhter Sympathikotonus zu sein, so Privatdozent Mathias Rauchhaus von der Charité Berlin. Bei Schlafapnoe nimmt der Sympathikotonus zu und verschlechtert so zum Beispiel den Bluthochdruck oder macht ihn schwer kontrollierbar. Herzinsuffizienz ist darüber hinaus oft mit weiteren Krankheiten vergesellschaftet wie einem Diabetes mellitus oder Niereninsuffizienz.

Ob es sich bei Diabetes und Niereninsuffizienz und gleichzeitiger Schlafapnoe um kausale Zusammenhänge oder um ein Epiphänomen handele, sei noch nicht ganz geklärt, sagt Rauchhaus. Nachgewiesen sei jedoch, dass das Beseitigen einer Schlafapnoe die Prognose niereninsuffizienter Patienten bessere.

Umgekehrt hätten sich bei Patienten nach Nierentransplantationen wegen terminaler Niereninsuffizienz somnografische Messwerte zum Teil fast normalisiert - allerdings kehrten mit der Zeit die Schlafapnoe-Muster zurück. Geht man davon aus, dass alle Organe neuronal miteinander vernetzt sind, erscheint es nur logisch, dass sympathikogene Aktivierungen für die Dysregulation in der Peripherie verantwortlich sind.

Die Konsequenz aus dem zweifellos noch lückenhaften Wissen um die Verbindung chronischer innerer Krankheiten mit schlafbezogenen Atemstörungen und deren offenbar großen Verbreitung kann nur lauten, vermehrt danach zu fragen und bei feststehender Diagnose durch Schlafmediziner die Behandlung einzuleiten, etwa mit unterstützender CPAP-Beatmung nachts.

Die positiven Auswirkungen etwa auf eine bestehende Herzinsuffizienz erklärt der Ulmer Pneumologe und Schlafforscher Wöhrle damit, dass der kontinuierlich positive Atemwegsdruck einen entsprechenden Druck im Thorax aufbaut.

Das senkt die Vor- und Nachlast des Herzens und verbesserte damit dessen Pumpfunktion. Man geht außerdem davon aus, dass nächtliche Ischämien unterbleiben, ebenso wie Apnoe-assoziierte Herzrhythmusstörungen. Die Endothelfunktion der Gefäße soll sich verbessern, der permanent gesteigerte Sympathikotonus soll sinken.

"Wir müssen mehr Achtsamkeit diesem Krankheitsbild entgegen bringen!", fordert Rauchhaus. Und die Kardiologin Angermann meint, man habe sich in den vergangenen Jahren wesentlich mit dem Herzen bei Tage beschäftigt. Jetzt nehmen sich klinische wie Grundlagenforscher zunehmend Zeit für das Wohlergehen des Herzens bei Nacht.

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