Schlechte Noten zum Lebertag

"Die Versorgung in Europa ist sehr schlecht"

Der heutige Dienstag steht ganz im Zeichen der Leber: Experten nehmen vor allem die Virushepatitis in den Blick. Ein neuer Index zeigt: Die Versorgung in Europa ist teils katastrophal.

Von Dr. Thomas MeißnerDr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
"Die Versorgung in Europa ist sehr schlecht"

© Springer Verlag

Ärzte Zeitung: Herr Kautz, was ist der europäische Hepatitis-Index, und welcher Zweck wird damit verfolgt?

Achim Kautz: Bislang existierten keine europäischen Daten, auf deren Grundlage wir die Versorgungssituation regional und europaweit verbessern könnten.

Achim Kautz

"Die Versorgung in Europa ist sehr schlecht"

© van thiel / deutsche leberhilfe

Aktuelle Position: seit 2001 Geschäftsführer der Deutschen Leberhilfe e. V. in Köln

Weitere Funktionen: Vorstandsmitglied im Kompetenznetz-Hepatitis in Hannover, Vorstandsvorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Leber in Köln, Vizepräsident der European Liver Patient Association in Brüssel, u. a.

Der Index ist eine Beobachtungsstudie der europäischen Patientenorganisation E.L.P.A (European Liver Patient Association) über die Versorgungssituation von Menschen mit Hepatitis B und C in 27 EU-Ländern sowie in Norwegen, Kroatien und der Schweiz.

Eine Expertengruppe hat dazu einen Katalog aus 31 Fragen erstellt, die sich mit der Prävention, dem Zugang zu Therapien, dem Vorhandensein nationaler Hepatitis-Strategien sowie von epidemiologischen Daten und zu Behandlungsresultaten beschäftigen.

Ärzte Zeitung: Wie verbesserungswürdig ist diese Situation denn?

In Europa leben etwa 30 Millionen Menschen mit einer Virushepatitis und die Versorgungssituation ist insgesamt sehr schlecht, sowohl was die Erfassung der Krankheitslast, die Prävention, die Diagnostik als auch den Zugang zu den Therapieoptionen angeht.

Die Organisatoren des Projekts wollten wissen: In welchen Ländern läuft es vergleichsweise gut und wo nicht? Mit dem Hepatitis-Index haben wir nun ein Instrument in der Hand, um gezielt national beratend tätig werden zu können.

Wir können also zum Beispiel sagen: Wenn Österreich dieses oder jenes unternähme, wären die Index-Resultate im Ranking der Länder um soundso viel besser.

Ärzte Zeitung: Was ist denn bei der Beobachtungsstudie herausgekommen?

Die Bewertung ergibt sich aus einem Punktesystem und Gewichtungen der einzelnen Fragen. Demnach hat Frankreich vor Slowenien mit 872 von 1000 möglichen Punkten am besten abgeschnitten.

Frankreich und Schottland sind die einzigen Länder in Europa, wo bereits seit einigen Jahren nationale Hepatitis-Pläne existieren und wo zum Beispiel mit Kampagnen die öffentliche Aufmerksamkeit für Hepatitis geweckt wird.

In Frankreich sind die Hausärzte eng in die Fahndung nach Hepatitis-Patienten einbezogen. Slowenien zeichnet sich durch sehr gute Präventionsmaßnahmen aus. Auf der anderen Seite gibt es Länder wie Rumänien, wo die nationale Krankenversicherung nur 5000 Therapien pro Jahr bezahlt, und zwar mit alten Medikamenten.

Insgesamt muss man sagen, dass die zum Teil hohen Punktwerte nicht darüber hinwegtäuschen dürfen, dass eigentlich in keinem Land eine wirklich gute Versorgungssituation existiert.

Selbst in Ländern mit nationalen Hepatitis-Plänen liegt die Detektionsrate von Virushepatitiden unter 40 Prozent. Hinzu kommt: Der Index bezieht sich nur auf Menschen mit Krankenversicherung. In Bevölkerungsgruppen ohne Krankenversicherung sind die Ergebnisse noch schlechter.

Ärzte Zeitung: Und wie sieht es in Deutschland aus?

Deutschland liegt mit 797 Punkten auf Rang drei und wird besonders für die Prävention gelobt, etwa was die Impfprogramme gegen Hepatitis B angeht, sowie für den Zugang zu modernen Therapeutika. Kritisiert wird, dass die Bundesregierung die Problematik der Virushepatitiden nicht mit Priorität behandelt.

Allerdings werden wir in Kürze einen nationalen Hepatitis-Plan vorstellen, erstellt von Patienten- und Fachorganisationen. Das ist auch dringend notwendig, wenn wir uns vor Augen führen, welche Langzeitfolgen Virushepatitiden für die Menschen und für das Gesundheitssystem haben.

In Deutschland haben schätzungsweise 500.000 Menschen eine Hepatitis C, diagnostiziert sind jedoch nur bis zu 180.000 Patienten.

Ärzte Zeitung: Soll der Index irgendwann aktualisiert werden, um zu schauen, ob Fortschritte erzielt worden sind?

Ja, das ist geplant, aber letztlich auch eine Kostenfrage. Zunächst werden wir den Index weiter mit Daten der ECDC (European Center for Disease Prevention and Control) füttern, um auch gesundheitsökonomische Resultate etwa zur Kosteneffektivität eines Hepatitis-Screenings zu erhalten.

Ergebnisse werden voraussichtlich im März 2013 vorliegen. Gemeinsam mit der WHO und der World Hepatitis Alliance sollen nun einzelnen Ländern konkrete Verbesserungsvorschläge unterbreitet werden.

In der Vergangenheit war es schwer zu argumentieren, weil wir die Effekte bestimmter Maßnahmen nicht belegen konnten. Nun haben wir solche Argumente in der Hand.

Infos im Internet: www.hep-index.eu

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