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HINTERGRUND

Effektiv und wissenschaftlich geprüft: Hirnforscher und Pädagogen arbeiten an neuen Lernstrategien

Veröffentlicht:

Von Sabine Schiner

Ein Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen wird im kommenden März an der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm eröffnet.

"Die Grundidee ist ganz einfach", erklärt der Ulmer Hirnforscher und künftige Leiter der Einrichtung, Professor Manfred Spitzer, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" das Ziel: "Wir benutzen neue Ergebnisse aus der Hirnforschung, um Lernen effektiver zu gestalten." Finanziert wird das Projekt über die Landesstiftung Baden-Württemberg. 2,3 Millionen Euro stehen zur Verfügung.

"Es gibt hunderttausende Kinder, die derzeit ineffektiv lernen, da muß man etwas ändern", sagt Spitzer, Leiter der Abteilung Psychiatrie an der Universität Ulm. Nach seiner Meinung gibt es in den Bereichen Grundlagenforschung und Anwendungsorientierung noch viel zu tun. "Mein Anliegen ist, daß wir beim Thema Bildung wegkommen von Meinungen und politischen Diskussionen hin zu einer empirischen und naturwissenschaftlich basierten Lernwissenschaft."

Innovative Lernmethoden aus der Hirnforschung

Nach Meinung des Mediziners sollten innovative Lernmethoden vor allem aus der Hirnforschung kommen. So gingen etwa viele Pädagogen in den Weiterbildungseinrichtungen davon aus, daß Lernen in allen Altersstufen gleich sei. "Lernen beginnt jedoch schon im Mutterleib." Kein Kind sauge Wissen auf wie ein Schwamm. "Vor allem Ältere - und damit sind Menschen über 17 gemeint - lernen erfahrungsabhängig", sagt Spitzer.

Er beschäftigt sich schon seit Jahren mit den kognitiven Neurowissenschaften. In seiner Abteilung in Ulm werden unter anderem Lernprozesse mit Hilfe von bildgebenden Verfahren untersucht. Geforscht wird etwa, in welchem Alter wo und wie im Gehirn was gelernt wird, welche Strukturen daran beteiligt sind, welche Gefühle das Erinnerungs- und Erkenntnisvermögen beeinflussen und welche Wirkungen die zwischenmenschlichen Bindungen zwischen Lehrern und Schülern auf das Lernen haben.

Die Ergebnisse der Grundlagenforschung sollen dann in der Pädagogik Anwendung finden. In der Medizin hat sich die enge Verzahnung von Grundlagenwissenschaft und klinischer Anwendung längst bewährt. "Wir wissen heute ja schon eine ganze Menge darüber, wie effizient gelernt werden kann - das nun auf die Unterrichtspraxis umzumünzen, das ist mir ganz wichtig", sagt Spitzer.

Nur wer Theorien verstehe, der könne sie auch optimieren. So sei es schon lange bekannt, daß nach dem Lernen im Gehirn noch weitere Verfestigungsprozesse ablaufen. "Doch was bei solchen Konsolidierungsprozessen genau passiert, daran arbeiten wir noch", sagt Spitzer.

Es sei auch längst bekannt, daß von dem Gelernten nicht mehr viel übrig bleibt, wenn Kinder zum Beispiel nach dem Lernen von Vokabeln einen Actionfilm sehen, der sie emotional sehr beansprucht. Spitzer fordert Anwendungsstudien, um für den Schulalltag konkrete Empfehlungen geben zu können, wie: "Geht nach dem Vokabellernen nicht ins Kino, sondern in den Wald". Auch die emotionale Atmosphäre, in der gelernt wird, sei maßgeblich. Es seien ganz andere Lernergebnisse zu erzielen, wenn die Lerninhalte in einer positiven Stimmung vermittelt werden.

Ergebnisse der Grundlagenforschung sollen nun gemeinsam mit Erziehern und Pädagogen in Kindergärten und Schulen umgesetzt werden. "Probleme haben wir ja auch nicht nur in der Schule", sagt Spitzer. "Auf dem Arbeitsmarkt müssen heute viele 50jährige umgeschult werden - da wird Lernen zu einem lebenslangen Thema." Nach seiner Meinung wird es Aufgabe der Hirnforscher sein, zu untersuchen, was an Potentialen vorhanden ist.

Zusammenarbeit von Psychologen, Hirnforschern, Pädagogen

Anfang März soll die Arbeit beginnen: Zwei Psychologen, ein Statistiker und zwei Pädagogen werden zusammen mit den Hirnforschern an verschiedenen Studien arbeiten. "Das Transferzentrum hat den Status eines großen Forschungsprojektes", sagt Spitzer. Unter anderem wird an einer Sprachdiagnostik für Kindergartenkinder geforscht. Aber auch die Themen Legasthenie, Dyskalkulie und Hochbegabung werden Forschungsinhalte sein.



FAZIT

Die Zusammenarbeit zwischen Hirnforschung und Pädagogik ist das Ziel des neuen Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm. Mit den Ergebnissen aus der Forschung soll Lernen effizienter gestaltet werden. In den kommenden Jahren stehen dem von der Landesstiftung Baden-Württemberg geförderten interdisziplinären Projekt 2,3 Millionen Euro zur Verfügung. Zwei Psychologen, ein Statistiker und zwei Pädagogen arbeiten mit Hirnforschern an mehreren Studien. Geforscht werden soll unter anderem auf den Gebieten Sprachentwicklungsdiagnostik und Sprachförderung in Kindergärten, Emotionalität und Lernen, Fremdsprachenlernen mit Musik und Bewegung.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Bildung für alle - auch für Schwache

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