Alkoholsucht

Epigenetik bietet neue Therapieansätze

Epigenetik als biologisches Modell von Gen-UmweltInteraktionen ist auch für die Suchtmedizin interessant. So könnten sich neue Screeningmethoden oder Therapieansätze für Alkoholabhängigkeit ergeben.

Von Friederike Klein Veröffentlicht:

MÜNCHEN. Die Epigenetik - Veränderungen des Erbguts, die nicht die DNA-Sequenz betreffen - spielt zunehmend auch in der Psychiatrie und Suchtmedizin eine Rolle.

Modifikationen von DNA-Methylierung, Histonen und Transkriptionsfaktoren können dabei teilweise auch vererbt werden.

Spannend sind sie aber vor allem, weil sie eine Interaktion von Umwelt und Genen ermöglichen und beispielsweise erklären könnten, warum unter dem Einfluss bestimmter Trigger oder Stressoren eine potenziell vorhandene Vulnerabilität zu einer (psychischen) Erkrankung führt.

Dabei schalten die epigenetischen Veränderungen Gene nicht einfach an oder aus, sondern modulieren sie quasi wie ein Dimmer, erklärte Professor Thomas Hillemacher von der Medizinischen Hochschule Hannover beim 16. Interdisziplinären Kongress für Suchtmedizin in München.

Beispiel Alkoholabhängigkeit

Im Falle der Suchterkrankungen gibt es konkrete Hinweise auf epigenetische Veränderungen durch die Erkrankung, aber auch die Therapie.

Genomweite Methylierungsanalysen zeigen zum Beispiel deutliche Veränderungen bei Alkoholabhängigkeit, wobei überwiegend die Regulation der Expression von Genen aus dem Bereich des Alkoholstoffwechsels, des Dopaminsystems und des endogenen Opiatsystems betroffen ist. In Tierversuchen zeigten sich auch Veränderungen in der Histonacetylierung bei verschiedenen Genen im Gehirn.

Auch die bekannte enge positive Korrelation von Leptinspiegeln und Craving zu Beginn der Entzugstherapie lässt sich epigenetisch belegen. Hillemacher konnte mit seiner Arbeitsgruppe bei alkoholabhängigen Patienten im Entzug zeigen, dass hohe Leptinwerte und starkes Craving mit geringerer Methylierung des Leptingens einhergehen.

Während der Entgiftung kommt es zu einer verstärkten Methylierung und infolgedessen auch einer Abnahme des Leptins und des Cravings. "Das sind alles nur Assoziationen", betonte Hillemacher, die aber die Hypothese, dass epigenetische Mechanismen eine Rolle beim Craving spielen, unterstützen.

Ähnliches fand sich auch für den Dopamin-Rezeptor 2 (DRD2). Hillemacher stellte fest, dass im Entzug die Methylierung des DRD2-Promotors signifikant stieg, wobei das Alkoholcraving besonders stark war bei Patienten mit verminderter Promotormethylierung - die Methylierung des Promotors führt zur vermehrten Ablesung des Rezeptorgens.

Analog fand Hillemacher auch bei pathologischen Spielern eine unterschiedliche DRD2-Methylierung, je nachdem, ob sie in den letzten 12 der 30 Monaten eine Abstinenz eingehalten hatten: Das Methylierungsniveau des DRD2-Gens war bei Abstinenz signifikant niedriger als bei Nichtabstinenz.

"Je weniger Rezeptoren da sind, umso mehr Reize benötigt man, um das Belohnungssystem zu aktivieren", erklärte Hillemacher den anzunehmenden Zusammenhang.

Nicht nur Zukunftsmusik

Epigenetische Aspekte sind auch klinisch relevant. So zeigte sich in einer Pilotstudie ein alkoholspezifisches Methylierungsmuster, das nicht mit dem Muster von Rauchern überlappt und das sich zudem durch eine Kurzzeittherapie fast wieder normalisieren kann.

Möglicherweise kann daher ein entsprechender Blut-Methylierungstest zur Feststellung des aktuellen Alkoholkonsums wie auch des Ansprechens auf die Therapie angewendet werden.

Eine epigenetische Therapie ist aber keine Zukunftsmusik. "Das machen Sie alle wahrscheinlich jeden Tag", sagte Hillemacher.

"Ohne dass im Einzelnen die Wirkmechanismen verstanden sind, ist bekannt, dass häufig eingesetzte Medikamente wie Lithium, Carbamazepin oder Valproat in die Methylierung und Histonacetylierung eingreifen."

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