Krebs in der Kindheit

Erst krebskrank, dann Hypertoniker

Überlebende von Krebserkrankungen in der Kindheit tragen ein erhöhtes Hypertonierisiko: Im Alter von 50 Jahren sind 70 Prozent betroffen, bei jedem fünften ist der Blutdruck nicht ausreichend eingestellt.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Wer als Kind einen Tumor überlebt, hat ein erhöhtes Risiken für spätere kardiovaskuläre Probleme.

Wer als Kind einen Tumor überlebt, hat ein erhöhtes Risiken für spätere kardiovaskuläre Probleme.

© Rüdiger Lubricht

MEMPHIS. Wer als Kind einen Tumor überlebt, zahlt dafür einen hohen Preis. So ist das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse in den folgenden Jahrzehnten teilweise drastisch erhöht. Die Gefahr, an solchen Ereignissen zu sterben, ist nach der Auffassung von Onkologen und Epidemiologen um Dr. Todd Gibson von der St.-Jude-Kinderklinik in Memphis rund achtfach höher als in der Allgemeinbevölkerung.

Vor allem die Brust- und Abdomenbestrahlung sowie kardiotoxische Therapien würden Risiken für spätere kardiovaskuläre Probleme bergen. Werden Kinder mit Anthrazyklinen behandelt, und entwickeln sie später eine Hypertonie, lasse sich ein 86-fach höheres Risiko für eine Herzinsuffizienz berechnen als für normotone Krebsüberlebende ohne eine solche Behandlung. Eine Hypertonie scheine dabei das kardiovaskuläre Risiko mehr als additiv zu erhöhen. Den Blutdruck unter Kontrolle zu bekommen, halten die Ärzte um Gibson daher für essenziell.

Prävalenz 2,6-fach erhöht

Wie gut dies gelingt, haben sie in einer Studie an ihrer Klinik untersucht. Dazu bestimmten sie den Blutdruck bei über 3000 Patienten, die einen Tumor in der Kindheit um mindestens zehn Jahre überlebt hatten. Sie spürten eine deutlich erhöhte Hypertonieprävalenz auf und fanden einen sehr großen Anteil von Betroffenen mit viel zu hohen Blutdruckwerten (CEBP 2017; online 22. November).

Sämtliche Überlebenden beteiligten sich an der "St. Jude Lifetime Cohort Study (SJLIFE)". Die Untersuchung will den Gesundheitszustand von Personen langfristig kontrollieren, die als Kind, Jugendliche oder junge Erwachsene an einem Tumor erkrankt sind. Erwachsene Überlebende werden zu diesem Zweck etwa alle fünf Jahre zu einer Untersuchung in die Klinik eingeladen – unter anderem zur Blutdruckmessung. Das Team um Gibson ermittelte zudem aus den Krankenakten, ob bereits zuvor eine Hypertonie diagnostiziert worden war und ob die Teilnehmer Antihypertensiva bekamen.

Rund die Hälfte der Teilnehmer war zum Zeitpunkt der Krebserkrankung weniger als zehn Jahre alt, während der ersten SJLIFE-Erhebung betrug das Alter im Schnitt 32 Jahre. Bei knapp vier von zehn Teilnehmern lag die Erkrankung zwischen 10 und 20 Jahre zurück, bei ebenso vielen zwischen 20 und 30 Jahre. Am häufigsten war eine Leukämie diagnostiziert worden (37 Prozent), gefolgt von ZNS-Tumoren, Hodgkin-Lymphomen und Knochentumoren (jeweils zehn bis zwölf Prozent).

Rund 30 Prozent hatten eine Brust- und ein Viertel eine Abdomenbestrahlung erhalten, mit Anthrazyklinen waren etwa 60 Prozent behandelt worden. Eine Hypertonie hatten im Alter von 30 Jahren 13 Prozent der Teilnehmer, 37 Prozent waren es mit 40 Jahren und 70 Prozent mit 50 Jahren. Diese Werte verglichen die Ärzte um Gibson mit den Ergebnissen der "National Health and Nutrition Examination Survey" (NHANES)-Befragung aus den Jahren 2011 und 2012.

Berücksichtigten sie Alter, Geschlecht, Ethnie und BMI ergibt sich eine 2,6-fach erhöhte Hypertonieprävalenz für die Krebsüberlebenden verglichen mit der Allgemeinbevölkerung. Anders ausgedrückt: Die Prävalenz entspricht in etwa der von zehn Jahre älteren Menschen ohne Krebs in der Kindheit. Bei etwa 8 Prozent der Teilnehmer fanden die Ärzte während der ersten SJLIFE-Untersuchung eine bislang nicht bemerkte Hypertonie, 22 Prozent der Teilnehmer mit bekannter Hypertonie hatten Blutdruckwerte über 140/90 mmHg – hier war die Blutdruckkontrolle offenbar misslungen.

Am häufigsten nach Wilms-Tumor

Eine Hypertonie trat – wie sonst auch – gehäuft bei Männern, Übergewichtigen und Adipösen sowie Afroamerikanern auf. Alkylanzienbehandlungen mit einer Cyclophosphamid-Äquivalenzdosis bis zu 8000 mg/m2 gingen ebenfalls mit einer erhöhten Prävalenz einher (Odds Ratio plus 46 Prozent), für höhere Dosen ließ sich jedoch kein belastbarer Zusammenhang feststellen.

Patienten mit Nephrektomie erkrankten etwa 70 Prozent häufiger, solche mit Brust- oder Abdomenradiatio 23 Prozent häufiger, der Unterschied war hier aber nicht signifikant.

Am häufigsten hatten Patienten mit Wilms-Tumor in der Kindheit eine Hypertonie. Bei ihnen betrug der Anteil bereits im Alter von 40 Jahren 70 Prozent. Die geringste Prävalenz stellten die Ärzte für Überlebende eines Hodgkin-Lymphoms mit etwa 30 Prozent im Alter von 40 Jahren fest. Zum Vergleich: In der US-Allgemeinbevölkerung liegt der Anteil in diesem Alter noch immer deutlich unter 20 Prozent.

Die Forscher um Gibson plädieren daher für eine bessere Blutdruckkontrolle bei Überlebenden von Krebserkrankungen in der Kindheit. Mit Blick auf die hohe kardiovaskuläre Sterblichkeit dieser Patienten sei sogar eine besonders aggressive Blutdrucksenkung systolisch unter 120 mmHg zu erwägen. Sie verweisen auf Resultate der SPRINT-Studie, nach denen Erwachsene über 50 Jahre mit multiplen kardiovaskulären Risiken von einer intensiven Therapie besonders profitierten. Dies sei auch für die Überlebenden von Kindheitstumoren wahrscheinlich.

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