Diabetes mellitus

"Es dauert viel zu lange, bis die Diabetes-Therapie angepasst wird"

Die Blutzucker-Selbstkontrolle bei nicht mit Insulin behandelten Typ-2-Diabetikern wird kontrovers diskutiert. Für die Messungen ist Professor Oliver Schnell.

Veröffentlicht: 06.11.2008, 05:00 Uhr

Ärzte Zeitung: Warum sollten alle Menschen mit Typ-2-Diabetes regelmäßig ihren Blutzucker selbst messen?

Professor Oliver Schnell: Heute ist es üblich, den Stoffwechsel bei Patienten mit Typ-2-Diabetes vor allem anhand des HbA1c einzustellen. Das ist zu ungenau. Damit werden nur Mittelwerte über mehrere Monate erfasst, mögliche starke Blutzuckerschwankungen im Tagesverlauf aber nicht. Die Schwankungen sind aber besonders mit frühen Gefäßveränderungen assoziiert.

Außerdem dauert es bei schlechter Stoffwechselkontrolle heute im Mittel 27 bis 35 Monate, bis die Therapie angepasst wird. Da wird viel zu lange gewartet. Bei regelmäßiger Blutzucker-Selbstkontrolle und einer gemeinsamen Analyse der Werte mit dem betreuenden Team sind viel frühere und exaktere Therapie-Empfehlungen möglich.

Ärzte Zeitung: Wie häufig sollten Typ-2-Diabetiker ihren Blutzucker messen?

Schnell: Optimal wäre es, wenn pro Woche 6 bis 8 Teststreifen erstattet würden, damit an 3 bis 4 Tagen jeweils vor und nach einer Mahlzeit oder auch vor dem Schlafengehen gemessen werden kann. Bei neu entdecktem Diabetes sollte öfter gemessen werden, damit die Patienten ein Gefühl dafür bekommen, wie sich zum Beispiel ein Essen, ein Spaziergang oder auch eine Infektion bei ihnen auf den Blutzucker auswirken. Wichtig ist es, die Patienten gut zu schulen und Ihnen Handlungsanleitungen dafür zu geben, wie sie auf die selbst gemessenen Blutzuckerwerte reagieren. Es sollen klare Vereinbarungen getroffen werden, zum Beispiel: Liegen die Blutzuckerwerte über oder unter einem bestimmten Bereich, dann nehmen sie bitte Kontakt zum Arzt auf.

Ärzte Zeitung: Was bringt die Blutzucker-Selbstmessung den Patienten?

Schnell: In der retrospektiven ROSSO-Studie lebten Patienten mit Blutzucker-Selbstkontrolle länger und sie hatten weniger Herzinfarkte, als Patienten ohne die Messungen. Die neue prospektive DINAMIC 1-Studie hat zudem ergeben, dass regelmäßige Blutzucker-Selbstmessungen bei Typ-2-Patienten unter oraler Therapie nach einem halben Jahr zu deutlich geringeren HbA1c-Werten führten - im Vergleich zu Patienten ohne solche Messungen. Die Blutzucker-Selbstkontrolle motiviert offenbar dazu, eher auf gesunde Kost und Bewegung zu achten. Die Patienten haben bei hohen Blutzuckerwerten zudem die Dosis ihres oralen Antidiabetikums selbst angepasst.

Wichtig ist es, Typ-2-Diabetes früh zu diagnostizieren und die Patienten dann früh optimiert zu behandeln. Besonders was wir am Anfang der Therapie als Grundlagen schaffen, wirkt sich langfristig auf den Verlauf der Krankheit aus.

Zur Person

Professor Oliver Schnell ist am Institut für Diabetesforschung in München tätig. Sein Forschungsschwerpunkt sind vaskuläre Komplikationen.

Lesen Sie dazu auch: Bessere Diabetes-Einstellung bei Selbstmessung

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