Direkt zum Inhaltsbereich

"Es dauert viel zu lange, bis die Diabetes-Therapie angepasst wird"

Die Blutzucker-Selbstkontrolle bei nicht mit Insulin behandelten Typ-2-Diabetikern wird kontrovers diskutiert. Für die Messungen ist Professor Oliver Schnell.

Veröffentlicht:

Ärzte Zeitung: Warum sollten alle Menschen mit Typ-2-Diabetes regelmäßig ihren Blutzucker selbst messen?

Professor Oliver Schnell: Heute ist es üblich, den Stoffwechsel bei Patienten mit Typ-2-Diabetes vor allem anhand des HbA1c einzustellen. Das ist zu ungenau. Damit werden nur Mittelwerte über mehrere Monate erfasst, mögliche starke Blutzuckerschwankungen im Tagesverlauf aber nicht. Die Schwankungen sind aber besonders mit frühen Gefäßveränderungen assoziiert.

Außerdem dauert es bei schlechter Stoffwechselkontrolle heute im Mittel 27 bis 35 Monate, bis die Therapie angepasst wird. Da wird viel zu lange gewartet. Bei regelmäßiger Blutzucker-Selbstkontrolle und einer gemeinsamen Analyse der Werte mit dem betreuenden Team sind viel frühere und exaktere Therapie-Empfehlungen möglich.

Ärzte Zeitung: Wie häufig sollten Typ-2-Diabetiker ihren Blutzucker messen?

Schnell: Optimal wäre es, wenn pro Woche 6 bis 8 Teststreifen erstattet würden, damit an 3 bis 4 Tagen jeweils vor und nach einer Mahlzeit oder auch vor dem Schlafengehen gemessen werden kann. Bei neu entdecktem Diabetes sollte öfter gemessen werden, damit die Patienten ein Gefühl dafür bekommen, wie sich zum Beispiel ein Essen, ein Spaziergang oder auch eine Infektion bei ihnen auf den Blutzucker auswirken. Wichtig ist es, die Patienten gut zu schulen und Ihnen Handlungsanleitungen dafür zu geben, wie sie auf die selbst gemessenen Blutzuckerwerte reagieren. Es sollen klare Vereinbarungen getroffen werden, zum Beispiel: Liegen die Blutzuckerwerte über oder unter einem bestimmten Bereich, dann nehmen sie bitte Kontakt zum Arzt auf.

Ärzte Zeitung: Was bringt die Blutzucker-Selbstmessung den Patienten?

Schnell: In der retrospektiven ROSSO-Studie lebten Patienten mit Blutzucker-Selbstkontrolle länger und sie hatten weniger Herzinfarkte, als Patienten ohne die Messungen. Die neue prospektive DINAMIC 1-Studie hat zudem ergeben, dass regelmäßige Blutzucker-Selbstmessungen bei Typ-2-Patienten unter oraler Therapie nach einem halben Jahr zu deutlich geringeren HbA1c-Werten führten - im Vergleich zu Patienten ohne solche Messungen. Die Blutzucker-Selbstkontrolle motiviert offenbar dazu, eher auf gesunde Kost und Bewegung zu achten. Die Patienten haben bei hohen Blutzuckerwerten zudem die Dosis ihres oralen Antidiabetikums selbst angepasst.

Wichtig ist es, Typ-2-Diabetes früh zu diagnostizieren und die Patienten dann früh optimiert zu behandeln. Besonders was wir am Anfang der Therapie als Grundlagen schaffen, wirkt sich langfristig auf den Verlauf der Krankheit aus.

Zur Person

Professor Oliver Schnell ist am Institut für Diabetesforschung in München tätig. Sein Forschungsschwerpunkt sind vaskuläre Komplikationen.

Lesen Sie dazu auch: Bessere Diabetes-Einstellung bei Selbstmessung

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Konkurrenz für Primärpraxen?

Reformpaket beschlossen: Apotheker rücken zu Hausärzten in zweiter Reihe auf

Vielfalt der Musikermedizin

Ihr Patient ist Musiker? Was dann relevant werden könnte

Kontrollverlust und Überforderung

Diabetestechnik und ihre Herausforderungen bei Kindern und Älteren

Das könnte Sie auch interessieren
Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

© Aleksandr | colourbox.de

Fatal verkannt

Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

© polkadot - stock.adobe.com

Vitamin-B12-Mangel

Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
B12-Mangel durch PPI & Metformin

© Pixel-Shot - stock.adobe.com

Achtung Vitamin-Falle

B12-Mangel durch PPI & Metformin

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Kommentare
Sonderberichte zum Thema

T2D-Therapie jetzt auch mit Semaglutid 2 mg

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma Gmbh, Mainz
Abb. 1: Empagliflozin reduzierte auch bei niedriger Ausgangs-eGFR die Progression der chronischen Nierenkrankheit (Test für Heterogenität/Trend: a) 12=0,06, p=0.81; b) 12=6,31, p=0,012)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [6]

Chronische Nierenkrankheit

SGLT2-Inhibition: Nephroprotektiv auch bei stark erniedrigter eGFR

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Ko KG, Ingelheim am Rhein
Abb. 2: Sekundärer Endpunkt der BOREAS-Studie: Veränderung der Lungenfunktion unter Dupilumab versus Placebo

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Typ-2-Inflammation bei COPD

Bessere Lungenfunktion und mehr Lebensqualität durch IL-4/-13-Hemmung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, Berlin, und Regeneron GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Konkurrenz für Primärpraxen?

Reformpaket beschlossen: Apotheker rücken zu Hausärzten in zweiter Reihe auf

State-of-the-Art

Was in den Praxisempfehlungen und Leitlinien der DDG neu ist

Lesetipps
Patient vor der CT-Untersuchung der Lunge.

© jovannig / stock.adobe.com

Telemedizin für Prävention

Lungenkrebs-Screening: Das Münsterland zeigt, wie es funktionieren kann

Frau sitzt nachts auf ihrem Bett und schaut ins Licht ihrer Nachttischlampe.

© stokkete / stock.adobe.com

Von unten nach oben

Stufenschema bei Insomnie: So bei Schlafstörungen therapieren