Etwa ein Viertel der Kinder kommt durch Sectio zur Welt

BREMEN (ars). Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt eine Kaiserschnittrate von zehn Prozent. In Deutschland liegt sie jedoch weit über diesem Wert. So ist in Bremen die Häufigkeit von zwölf Prozent im Jahre 1990 auf 25 Prozent im Jahre 2005 und damit um mehr als das Doppelte gestiegen.

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Wie es zu dieser gravierenden Veränderung kommen konnte, damit setzt sich der BVF-Landesverband Bremen in einer Stellungsnahme auseinander (Frauenarzt 47, 2006, 12). Die Autoren beziehen sich dabei auf Fragen und Behauptungen, die immer wieder in der Literatur oder in Gesprächen mit Patienten auftauchen.

Zum Beispiel wird die Verantwortung für die hohe Kaiserschnittrate gern einem einzelnen Berufszweig - wahlweise den Ärzten oder den Hebammen - zugeschoben. Doch diese Zuweisungen halten die Bremer Gynäkologen für verfehlt, vielmehr spiegele sich darin eine Sichtweise der gesamten Gesellschaft wider. So bestimmt die öffentliche Meinung mit, wie Schwangerschaft und Geburt auszusehen haben.

Sie verleitet viele Eltern zu einem Sicherheits- und Machbarkeitsdenken, läßt in ihren Köpfen die Vorstellung von einer perfekten Geburt geistern. "Krass ausgedrückt besteht der Anspruch, die Medizin müsse ein perfektes Kind zum richtigen Termin garantieren. Geburt wird nicht als Schicksal erlebt, sondern als technischer Vorgang, dessen Perfektion professionelle Helfer garantieren sollen", heißt es.

Nicht unterzukriegen ist ferner die Behauptung, die Ärzte würden die Geburtshilfe per Kaiserschnitt forcieren, weil sie mit geplanten Eingriffen ihre Freizeit besser organisieren könnten als mit unberechenbaren spontanen Geburten. Ein Blick in die Geburtsbücher Bremer Kliniken entkräftet dieses Argument jedoch.

Durchaus eine treibende Kraft sehen die Autoren allerdings im technischen Fortschritt: Die Schwangere wird heute nicht mehr nur mit Kardiotokographie, sondern zunehmend auch mit Ultraschall, Placenta-flow-Methode und pH-Messung beim Kind medizinisch überwacht. Damit werden auch Risiken immer häufiger entdeckt, so daß entsprechend öfter die Entscheidung fällt, sie durch Sectio zu vermeiden.

Der juristische Druck verschärft diesen Trend: Die Prozeßkosten und Schadenersatzsummen bei geburtshilflichen Streitfällen sind in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegen. So gibt es in Deutschland nur Verurteilungen wegen unterlassener Kaiserschnitte, aber kein einziges Mal ist einem Arzt ein überflüssiger Eingriff angekreidet worden. Parallel dazu sind die Haftpflichtprämien für Geburtshelfer immens gestiegen: von 6000 Euro im Jahr 1990 auf 20 000 Euro im Jahr 2005. Da können selbst die Chirurgen nicht mithalten.

Zusätzlich tragen viele Einflüsse dazu bei, daß die Gefahr von Komplikationen tatsächlich steigt und damit die Entscheidung immer öfter zugunsten eines Kaiserschnitts ausfällt: Das Geburtsgewicht der Babys ist im Lauf der Jahre immer höher geworden, immer mehr Frauen - 1990 noch zehn Prozent, 2005 schon 20 Prozent - sind bei der Geburt ihres ersten Kindes älter als 35 Jahre, die Rate an Mehrlingsschwangerschaften wächst durch die Fortschritte der Reproduktionsmedizin wie IVF und ICSI, immer mehr Frauen mit chronischen Erkrankungen - Diabetes, Herz- und Nierenkrankheiten oder Hepatitis-Infektionen - haben die Möglichkeit, ein Kind auszutragen.

Mit all dem kommt ein Teufelskreis in Gang: Da die Geburtshelfer weniger Erfahrung mit vaginalen Entbindungen sammeln können, wählen sie diesen Weg im Zweifelsfall seltener. Alle Beteiligten unterliegen diesen Tendenzen, tragen aber durch ihr Verhalten auch zu deren Verstärkung bei, so das Fazit der Autoren.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: So viele Kaiserschnitte - warum ist das so?

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