Hintergrund

Fibromyalgie ist keine unsichtbare Krankheit mehr

Fibromyalgie - da wird oft gelächelt oder die Erkrankung angezweifelt. Doch die Patienten leiden schwer unter der chronischen Schmerzerkrankung.

Von Simone Reisdorf Veröffentlicht:
Typisch für Fibromyalgie sind Schmerzen an mehreren Körperstellen über mehrere Monate sowie körperliche und geistige Erschöpfung

Typisch für Fibromyalgie sind Schmerzen an mehreren Körperstellen über mehrere Monate sowie körperliche und geistige Erschöpfung

© Foto: absolutwww.fotolia.com

Fibromyalgie - jeder achte Rheumatologe glaubt nicht an die Existenz der Erkrankung. Auch andere Ärzte meinen, nie einen Fibromyalgie-Patienten in ihrer Praxis gesehen zu haben. Das ergab eine interaktive Befragung beim europäischen Rheuma-Kongress in Paris. Dabei sprechen die Fakten für sich.

In der wissenschaftlichen Literatur wird die Prävalenz des Fibromyalgiesyndroms (FMS) mit weltweit zwei bis vier Prozent angegeben, wobei Frauen siebenmal so häufig wie Männer betroffen sind. Die typischen - wenn auch unspezifischen - Symptome sind demnach ausgedehnter Schmerz und Schmerzempfindlichkeit, Müdigkeit/Fatigue und Depression, aber auch Angststörungen und gastro-intestinale Probleme.

Dass FMS keine rein psychosomatische Erkrankung ist, betonte auch Professor Herta Flor von der Uniklinik Mannheim. Bei einem von Pfizer unterstützen Symposium zitierte die Psychologin dazu zahlreiche Studien der vergangenen Jahre, in denen die Patienten meist mit gesunden Kontrollpersonen verglichen worden waren. Ihre Erkenntnisse:

  • Bei Menschen mit FMS ist die graue Substanz verringert. Sie nimmt außerdem im Alter deutlich schneller ab.
  • An der Verarbeitung schmerzhafter Reize sind bei FMS-Patienten andere und ausgedehntere Hirnregionen beteiligt, und diese sind untereinander stärker vernetzt. Beides wurde in Studien mithilfe funktioneller MRT gezeigt.
  • Fibromyalgie-Patienten empfinden Schmerz stärker (Hyperalgesie) oder sogar nicht-schmerzhafte Reize als schmerzhaft (Allodynie).
  • Es gibt keinen Gewöhnungseffekt. Die Schmerzen bei FMS verstärken sich bei gleich bleibendem Reiz eher noch. Und sie halten länger an, auch nach Abklingen des Reizes. Dies haben Untersuchungen gezeigt, in denen die visuelle Analogskala (VAS) für Schmerzen verwendet wurde.
  • Während Gesunde unter Stress weniger Schmerz empfinden, ist dieser Schutzmechanismus bei Patienten mit Fibromyalgie ausgeschaltet, wie Studien von Flor zeigen. Im Gegenteil: Stress verstärkt die Probleme von FMS-Patienten. Das könnte auch daran liegen, dass sie bereits morgens mit einem verringerten Spiegel an stresshemmendem Kortisol aufwachen.
  • Auch körperliche Reaktionen auf Stress sind bei den FMS-Betroffenen atypisch. So verringert sich ihre Muskelspannung unter Stress, und bei hohem Blutdruck empfinden die Patienten mehr statt weniger Schmerz.
  • Bei Fibromyalgie ist eine Dysfunktion des an der Schmerzhemmung beteiligten Opioid-Rezeptorsystems zu beobachten.
  • Im Liquor von Menschen mit FMS finden sich mehr pro-nozizeptive und weniger anti-nozizeptive Mediatoren oder deren Stoffwechselprodukte als bei gesunden Personen. Beispiele sind: Die schmerzfördernde Substanz P ist vermehrt, schmerzhemmendes Dopamin dagegen vermindert.
  • Es wurden bei Patienten mit Fibromyalgie auch genetische Veränderungen gefunden, vor allem ein Polymorphismus auf dem so genannten COMT-Gen. Dieses Gen ist sowohl in die Hirnaktivierung als auch in die emotionale Stimulation eingebunden.

Fibromyalgie sei also keineswegs eine "unsichtbare" Erkrankung, so das Fazit von Flor. "Heute - mit der aktuellen Studienlage - jedenfalls nicht mehr."

Leitsymptome der Fibromyalgie

Chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen seit mehr als drei Monaten, körperliche und geistige Erschöpfung, nicht erholsamer Schlaf, Steifigkeitsgefühl der Hände oder Füße weisen auf die Diagnose.

Fibromyalgie-Leitlinie im Web: www.dgrh.de/leitliniefms.html

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Wolfgang P. Bayerl

Die Überschrift enttäuscht.

Wer psychische Erkrankungen somatisch behandelt, wird keinen Erfolg haben.
"Tabletten" sind natürlich immer und für alle Seiten bequem, sicher oft auch unverzichtbar.
Wenn ich schon so einen Satz lese:
"Dysfunktion des an der Schmerzhemmung beteiligten Opioid-Rezeptorsystems"
Auch bei "anorexia nervosa" gibt es solche sekundären massiven Dysfunktionen.
Trotzdem liegt die Priorität (=Ursache) in der Psyche.
Ein Mensch der etwas neues intensiv trainiert erhält Milliarden neuer Zellen im Gehirn,
bestätigt durch moderne Kernspinuntersuchungen.

Ich weis als sehr organisch orientierter Arzt (Chirurg), dass Patienten sich unbedingt eine "Organische Erkrankung" WÜNSCHEN, weil eine psychische Diagnose wohl zu viel eigene Änderungsinitiative erfordert.
Ich bin dem schon mal entgegen gekommen, weil ich die gewünschte Op abgelehnt habe,
durch die ärztlich verordnete (wichtig) "funktionelle Behandlung",
das war in diesem Fall Schwimmtraining beginnend mit 300 Meter, das fortzusetzen war bis er 1000 Meter ohne Unterbrechung geschafft hätte.
Danach war er geheilt. Auch seine "Depression" war verschwunden.
Es war also eine psychische Behandlung, denn das hätte er auch selbst machen können.

mfG


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