Ethikkommission gibt grünes Licht

Forscher wollen Menschen gezielt mit Corona infizieren

Viele Wissenschaftler lehnen es ab, Freiwillige gezielt mit SARS-CoV-2 zu Forschungszwecken zu infizieren. In Großbritannien dürfen Forscher dies nun. Kritiker warnen vor unkalkulierbaren Risiken.

Wolfgang GeisselVon Wolfgang Geissel Veröffentlicht:
Nach welchen Regeln trickst SARS-CoV-2 die menschliche Abwehr aus? Das wollen Forscher jetzt mit „human challenges“ untersuchen.

Nach welchen Regeln trickst SARS-CoV-2 die menschliche Abwehr aus? Das wollen Forscher jetzt mit „human challenges“ untersuchen.

© 3DJustincase / stock.adobe.com

London. In Großbritannien hat jetzt erstmals weltweit eine Ethikkommission Studien zugestimmt, bei denen gesunde Probanden mit SARS-CoV-2 experimentell infiziert werden sollen. Nach einer Mitteilung des „UK’s clinical trials ethics body“ gehen die in den nächsten Wochen geplanten „human challenges“ der Frage nach, welche Mindestmenge an Viren für eine SARS-CoV-2-Infektion nötig sind. Zudem werde untersucht, wie die Immunabwehr im Körper auf die Infektion reagiert.

Die Daten sollen Ärzten und Wissenschaftlern ein besseres Verständnis von COVID-19 vermitteln und die Erforschung von Impfstoffen und Therapien unterstützen. Nach den initialen Experimenten ist zudem geplant, die Wirksamkeit von Impfstoffkandidaten durch Virus-Expositionen zu prüfen.

Auf Sicherheit wird großen Wert gelegt

Für die mit 33,6 Millionen britischen Pfund von der UK-Regierung geförderten Studien suchen Forscher um den Immunologen Dr. Christopher Chiu vom Imperial College in London jetzt 90 gesunde 18- bis 30-Jährige. Die Sicherheit der Probanden sei oberstes Gebot, betont die Kommission in der Mitteilung.

Verwendet wird das initiale, seit März 2020 in UK zirkulierende Virus, das sich als relativ risikoarm für junge gesunde Erwachsene erwiesen habe. Ärzte und Wissenschaftler sollen die Freiwilligen engmaschig überwachen und 24 Stunden täglich zur Verfügung stehen. Die Forscher arbeiten dabei eng mit dem „Royal Free Hospital“ und dem „North Central London (NCL) Adult Critical Care Network“ zusammen. So soll sichergestellt werden, dass die Kapazitäten des „National Health Service“ (NHS) bei der Versorgung von COVID-19-Patienten nicht strapaziert werden.

Tödliche Verläufe und Langzeitschäden bleiben möglich

Solche „human challenge“-Studien seien über viele Jahrzehnte sicher vorgenommen worden, betont die Kommission, etwa bei der Erforschung von Malaria, Typhus, Cholera, Norovirus-Infektionen und Influenza. Mit den Untersuchungen lässt sich die Wirksamkeit verschiedener Impfstoffe relativ schnell vergleichen und zudem ermitteln, wie sie funktionieren. Das erleichtert auch die Entscheidung darüber, ob Impfstoffkandidaten in Phase III mit tausenden Probanden geprüft werden sollten.

Allerdings: „Das unvermeidbare Risiko solcher COVID-19-Studien ist, dass die Krankheit tödlich verlaufen kann, auch bei gesunden jungen Menschen“, warnt der Journalist Jon Cohen im Wissenschaftsmagazin „Science“. Und: Eine wirksame Therapie, die die Infektion stoppen kann, fehlt bisher. Kritiker warnen zudem vor möglichen Langzeitschäden durch die experimentellen Infektionen. Sie weisen außerdem darauf hin, dass viele der wissenschaftlichen Fragen auch in herkömmlichen Studien geklärt werden könnten.

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