Freispruch für SSRI bei Minderjährigen?

Eine aktuelle Metaanalyse konnte keine Hinweise darauf finden, dass moderne Antidepressiva das Suizidrisiko bei Minderjährigen erhöhen. Im Gegensatz zu Erwachsenen senken die Medikamente das Risiko allerdings auch nicht.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Auch bei Minderjährigen senken SSRI die Depressionssymptome.

Auch bei Minderjährigen senken SSRI die Depressionssymptome.

© Anja Greiner Adam/fotolia.com

CHICAGO. Vor nunmehr acht Jahren hat die US-Zulassungsbehörde FDA eine Blackbox-Warnung für SSRI bei Minderjährigen herausgegeben. Grund dafür waren Hinweise, dass unter solchen Antidepressiva das Suizidrisiko bei Kindern und Jugendlichen steigt.

Nach einer Metaanalyse verdoppelt sich die Rate von Minderjährigen mit Suizidgedanken während einer sechsmonatigen SSRI-Therapie. Die Entscheidung der FDA stieß aber auch auf Kritik, so gab es Hinweise, dass bei einer längerfristigen SSRI-Therapie das Suizidrisiko auch bei Minderjährigen zurückgeht.

Ein Team um Dr. Robert Gibbons aus Chicago hat sich nun die Mühe gemacht, auch die Daten sämtlicher Placebo-kontrollierter Studien zu dem SSRI Fluoxetin und dem SNRI Venlafaxin genauer zu prüfen.

Dazu werteten sie die in den Studien verwendeten Fragebögen aus, vor allem die Bereiche, die sich mit Suizidgedanken und suizidalem Verhalten wie Suizidversuchen auseinandersetzten (Arch Gen Psychiatry 2012, online 6. Feb)

Erwachsene: weniger depressiv, weniger suizidal

Das Ergebnis: Bei erwachsenen Depressiven nahmen unter der medikamentösen Therapie Selbsttötungsgedanken und -absichten deutlicher ab als mit Placebo, und zwar nach acht Wochen um 91 Prozent versus 79 Prozent. Bereits nach zwei Wochen zeigten sich Unterschiede zwischen Placebo- und Arzneitherapie.

Die Suizidgedanken korrelierten dabei jedoch klar mit der Schwere der Depression: Je stärker die Depression zurückging, umso eher verschwanden auch die Suizidgedanken - sowohl in der Placebo- als auch in der Verumgruppe.

Die Daten bestätigen Ergebnisse aus anderen Studien: Indem die Depression gelindert wird, sinkt auch das Suizidrisiko. Die Autoren berechneten, dass sich knapp 80 Prozent der antisuizidalen Wirkung von Fluoxetin und Venlafaxin auf ihre antidepressiven Eigenschaften zurückführen ließen.

Daten zu Fluoxetin bei Minderjährigen analysiert

Ganz anders sah es jedoch bei Minderjährigen unter Fluoxetin aus, dem einzigen bei Kindern und Jugendlichen zugelassenen SSRI. Zwar gingen auch hier mit der Medikation die Depressionssymptome signifikant stärker zurück als mit Placebo, allerdings wirkte sich dies nicht entsprechend auf die Suizidgedanken aus.

Nach acht Wochen ließ sich für die Placebogruppe ein Rückgang der Suizidgedanken und -handlungen um knapp über 60 Prozent berechnen, mit Fluoxetin nur um etwa 50 Prozent, der Unterschied war aber nicht signifikant. Zwar äußerten auch hier diejenigen Patienten mit den schwersten Depressionen am häufigsten Suizidgedanken, anders als bei Erwachsenen verschwanden diese aber nicht in dem Maße, wie die Depressionssymptome zurückgingen.

Anders ausgedrückt: Die Suizidgedanken konnten auch bei erfolgreicher Depressionstherapie persistieren. Immerhin, so die Autoren, nahmen sie unter der Medikation aber auch nicht zu. Und dies stehe im Gegensatz zu den Befürchtungen der FDA.

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