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HINTERGRUND

Geflügelimpfung bleibt tabu - sie könnte gefährliche Virus-Varianten begünstigen

Von Thomas Müller Veröffentlicht:

Impfen oder Keulen? In Deutschland hat man sich längst für die Massentötungen von Hühnern und Puten entschlossen und auf Rügen schon mal prophylaktisch mit dem Töten angefangen, obwohl noch kein einziges Huhn in Deutschland an dem Vogelgrippe-Virus H5N1 erkrankt ist.

In anderen EU-Ländern, etwa Frankreich und den Niederlanden, denkt man jedoch auch über Geflügelimpfungen nach, um eine Ausbreitung der Tierseuche zu verhindern. Die beiden Länder hatten sich in den vergangenen Tagen für partielle Impfungen von Tierbeständen ausgesprochen.

In Deutschland gilt eine Impfung jedoch weitgehend als tabu. "Es gibt zwei harte Argumente, die dagegen sprechen", so der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), Professor Thomas Mettenleiter, in einem dpa-Gespräch. Erstens würden sich bei einer Impfung erkrankte und geimpfte Tiere nicht mehr einfach voneinander unterscheiden lassen, weil beide Antikörper gegen das Virus bilden.

Zweitens sei die Logistik für eine Impfung äußerst schwierig. "Man müßte sicherstellen, daß auch in einem Bestand von 10 000 Nutzvögeln tatsächlich alle Tiere geimpft werden und die Impfung zudem bei allen Tieren im Abstand von zwei bis drei Wochen wiederholt wird", sagte Mettenleiter. Ein weiteres Problem: Weil sich geimpfte und infizierte Tiere nicht einfach voneinander unterscheiden lassen, dürfen nach derzeitiger Rechtslage geimpfte Tiere nicht in den Handel.

Eine Impfung kann sich Mettenleiter jedoch zusätzlich zu Keulung vorstellen. Kommt es in einem Geflügelbetrieb zu Erkrankungen, so könnten die Tiere dort gekeult und in Nachbarbetrieben geimpft werden, damit sich die Seuche nicht weiter ausbreitet.

Der Impfstoff schützt die Tiere zwar nicht vollständig vor einer Infektion, aber infizierte geimpfte Tiere scheiden weitaus weniger Erreger aus als nicht geimpfte Tiere. Für diese Ringimpfungen um befallene Betriebe plädiert der FLI-Präsident allerdings nur, wenn sich die Seuche anders nicht eindämmen läßt.

Das FLI arbeitet jedoch bereits an einer Vakzine, die eine einfache Unterscheidung von geimpften und infizierten Tieren per Antikörper-Test ermöglicht. Dazu haben Forscher des FLI einen Prototyp für einen gentechnisch veränderten Impfstoff hergestellt. Sie haben aus dem Vogelgrippe-Virus das Gen für Hämagglutinin isoliert und in ein Geflügel-Herpesvirus eingebaut.

"Wenn wir damit impfen, bekommen wir eine Immunantwort gegen das Herpesvirus und gegen das Vogelgrippe-Hämagglutinin. Aber eben nur gegen das Hämagglutinin, nicht gegen andere Influenza-Proteine", sagte Mettenleiter in einem Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" (

wir berichteten). Werden bei einem Tier Antikörper gegen andere Influenza-Proteine gefunden, weiß man damit sicher, daß das Tier infiziert ist.

Bis der neue Geflügel-Impfstoff verfügbar ist, kann es jedoch noch einige Jahre dauern, und selbst dann soll nach der Vorstellung von Mettenleiter damit nicht flächendeckend prophylaktische geimpft werden, sondern nur bei Ringimpfungen um befallene Betriebe. Der Grund dafür: Auch die neue Vakzine wird die Tiere nicht sicher vor einer Infektion mit H5N1 schützen - das Virus könnte sich unter dem Impfschutz weiter ausbreiten.

Zudem führt eine Impfung gegen Influenza-Viren schnell dazu, daß sich neue Virus-Varianten bilden, die den Impfschutz umgehen. Das Problem kennt man bei den Human-Influenzaviren: Jedes Jahr muß ein neuer Impfstoff gegen die aktuell zirkulierenden Virus-Varianten hergestellt werden. Gerade bei H5N1 will man aber vermeiden, daß sich neue Varianten bilden - denn mit jeder Variante steigt die Gefahr einer Pandemie unter Menschen.

Für Hühner und Puten wird es also auch in Zukunft kaum eine Alternative zur Keulung geben, wenn die Vogelgrippe vor der Tür steht.

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