Teufelskreis der Ernährung

Insulin verwandelt ungesunden Lebensstil in Adipositas

Schon leicht erhöhte Insulinspiegel können offenbar Adipositas sehr stark fördern. Forscher haben sich den Zusammenhang angeschaut und empfehlen Intervallfasten – mit einer Einschränkung.

Wolfgang GeisselVon Wolfgang Geissel Veröffentlicht:
Nicht nur ein kosmetisches Problem: Besonders viszerales Fett steigert das Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken.

Nicht nur ein kosmetisches Problem: Besonders viszerales Fett steigert das Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken.

© Alexander Raths / Fotolia

DÜSSELDORF. Hochkalorische Kost und Bewegungsmangel sind die Treiber der Epidemie von Adipositas und Typ-2-Diabetes. Das Übermaß an Nahrungsenergie führt zu Hyperinsulinämie, die wiederum eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Übergewicht spielt, betonen Forscher um Professor Hubert Kolb vom Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrum (WDGZ). In Kooperation mit der Universität Leipzig haben sie die Evidenz dazu zusammengestellt (BMC Medicine 2018; 16: 232).

Danach sind alle Risikofaktoren für Adipositas mit Hyperinsulinämie und Insulinresistenz verbunden oder fördern die Insulinsekretion. Nach Studiendaten führen hochkalorische Ernährung, Bewegungs- und Schlafmangel sowie Feinstaub durch Straßenverkehr zu erhöhten Nüchtern-Insulinspiegeln. Hyperinsulinämie war zudem in Studien mit Rauchen, Depressionen und Stress sowie niedrigem sozialen Status assoziiert.

Die Forscher merken zudem an, dass die Insulin-Therapie bei Typ-2-Diabetes ebenfalls zu erhöhten Insulinspiegeln führt und damit Adipositas begünstigen könnte.

Der Rat zu einem Lebensstil, bei dem erhöhte Insulinspiegel vermieden werden, scheint gerechtfertigt.

Professor Hubert Kolb und Kollegen,

Westdeutsches Diabetes- und Gesundheitszentrum (WDGZ) in Düsseldorf

Hyperinsulinämie für Übergewicht verantwortlich?

Weiterhin sprechen pharmakologische Studien dafür, dass die Hyperinsulinämie das Wachstum von Fettgewebe fördert. Wird nämlich die Insulinsekretion mit dem selektiven Kaliumkanalöffner Diazoxid pharmakologisch gehemmt, fördert das einen Gewichtsverlust.

So verloren Adipositaspatienten während einer achtwöchigen Diät durch zusätzliche Gabe des selektiven Kaliumkanalöffners deutlich stärker an Gewicht als Adipöse mit alleiniger Diät. Einen ähnlichen Effekt hatte die Insulinsekretionshemmung bei Adipositas-Patienten mit dem Somatostatin-Analogon Octreotid.

Weitere Belege für die Rolle erhöhter Insulinspiegel bei der Adipositas-Genese gibt es aus genetischen Studien. Bei Mäusen führte die teilweise Zerstörung von Insulingenen oder die Blockade von Insulinrezeptoren zur Prävention von Adipositas oder auch zu deren Remission.

Wie lässt sich der Effekt von Hyperinsulinämie erklären? Nach Studiendaten hemmen schon hochnormale oder geringfügig erhöhte Insulinspiegel die Lipolyse und fördern zugleich die Lipogenese in den Adipozyten, was zum Aufbau von Fettgewebe führt.

Ein deutlich höherer Anstieg der Insulinkonzentration ist hingegen erforderlich, um die Körperzellen zur Aufnahme von Blutzucker zu stimulieren; die Aufnahme wird erst bei sechsfach erhöhten Normalwerten ausgelöst. Gleichzeitig sind verdoppelte Insulin-Normalwerte nötig, damit die Glukoneogenese in der Leber hochgefahren wird.

Empfehlung: Hohen Insulinspiegel möglichst vermeiden

Aufgrund dieser Befunde empfehlen die Forscher einen Lebensstil, mit dem sich über große Strecken im Tagesverlauf erhöhte Insulinspiegel vermeiden lassen. Damit sollen die Perioden anaboler Aktivitäten des Fettgewebes begrenzt werden. Empfohlen werden hypokalorische Kost und regelmäßige Bewegung.

Auch Intervallfasten ist günstig. Weil aber die Insulin-Resistenz morgens am geringsten ausfällt, sollte dabei eher das Abendessen als das Frühstück ausgelassen werden.

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Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler 28.01.201915:04 Uhr

Insulin-Paradigmenwechsel

Dass bereits leicht erhöhte, endogene Insulinspiegel die Entwicklung zur (pathologischen) Adipositas zu stark fördern können, ist keine wirklich revolutionär-neue Erkenntnis.

Aber in diesem Zusammenhang sollte über Hyperinsulinismus, gesteigerte Insulinresistenz in der Behandlung des Typ-2-Diabetes in der Klinik stationär oder ambulant in der haus- und familienärztlichen bzw. fachärztlichen Praxis neu nachgedacht werden. Denn nicht nur in der diabetologischen Rehabilitation mit dem Schulungsziel: Weniger Insulin und gesünderer Lebensstil fällt auf, dass Patientinnen und Patienten mit Insulin-Therapie bei Typ-2-Diabetes oft immer höhere Insulin-Dosierungen benötigen, gleichzeitig aber auch weiter an Gewicht zunehmen. Damit fallen nachhaltigen Lebensstil-Interventionen immer schwerer.

Zu verführerisch ist das stationäre Diabetes-Monitoring mit Insulin-Perfusor-Gaben, sofort sichtbarem Therapieerfolg durch methodisch gesicherte Mehrfachmessung, Infusionen, aber zugleich adipositasbedingt zunehmenden Ko-Morbiditäten und Interventions-Notwendigkeiten zu (Hypertonie, PAVK, KHK, DFS, ACS usw.).

Klinik-Ökonomen bevorzugen Insulin-"Kosmetik" in Zeiten von knappen DRG''s und möglichst kurzen stationären Verweildauern gegenüber langwierigen flankierenden Maßnahmen wie Gesundheits- und Krankheits-Erziehung, Bewältigungsstrategien („coping“). Die sich nach der diabetologischen Krankenhausentlassung bzw. auf Grund der weiter geführten Insulintherapie verschärfende Adipositas-Problematik wird von den Klinikern oft nicht mehr gesehen oder kontrolliert: Ist aber das tägliche „Brot“ der niedergelassenen Haus- und Familienärzte bzw. Diabetologie-Praxen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Dr. Barbara Kremer 22.01.201913:29 Uhr

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