Impfprogramm hilfreich?

Invasive Pneumokokken-Infekte bei Flüchtlingskindern oft vermeidbar

Es lohnt sich offenbar, ein Pneumokokken-Impfprogramm bei Flüchtlingskindern in Betracht zu ziehen: Denn bei einer invasiven Infektion werden bei diesen Patienten oft Impfserotypen nachgewiesen.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:

AACHEN. Ziehen sich Flüchtlingskinder in Deutschland eine invasive Pneumokokken-Infektion zu, sind oft Serotypen am Werk, gegen die geimpft werden kann. In Deutschland geborene Kinder erkranken dagegen nur selten an Impfserotypen.

Seit 2006 wird die Pneumokokken-Impfung auch in Deutschland empfohlen, wobei die ersten Impfungen im Säuglingsalter erfolgen. Für nach Deutschland zugewanderte Flüchtlingskinder gibt es dagegen keine routinemäßige Pneumokkoken-Impfung. Dies könnte dazu führen, dass sich in Deutschland wieder vermehrt Impfserotypen der Erreger verbreiten, geben Experten vom Nationalen Referenzzentrum für Streptokokken in Aachen zu bedenken.

Über 400 Proben analysiert

Ein Team um Stephanie Perniciaro hat Proben von gemeldeten invasiven Pneumokokken-Erkrankungen bei Kindern aus den Jahren 2014 bis 2017 genauer analysiert (Emerg Infect Dis 2018; 24: 1934-1936). 21 stammten von Flüchtlingskindern, 405 von Kindern mit Geburtsort in Deutschland. Die Forscher berücksichtigten nur Proben von Kindern mit bekanntem Impfstatus. Zum einen analysierten sie die Serotypen, zum anderen schauten sie nach Antibiotikaresistenzen.

Von den 21 Flüchtlingskindern hatten 18 keine Pneumokokken-Impfung bekommen (86 Prozent), dagegen waren 21 Prozent der erkrankten Kinder aus Deutschland komplett ungeimpft. 13 der Flüchtlingskinder (62 Prozent) waren mit einem Impfserotyp infiziert, solche Keime fanden die Forscher bei lediglich 19 Prozent der Kinder aus Deutschland.

Die Zahlen sprechen also dafür, dass eine Pneumokokken-Impfung die meisten invasiven Erkrankungen mit Streptococcus pneumoniae unter Flüchtlingskindern verhindern könnte.

Häufiger multiresistente Keime

Acht der Proben (38 Prozent) von Flüchtlingskindern enthielten Pneumokokken, die gegen mindestens drei Antibiotikaklassen Resistenzen zeigten, fünf davon waren Impfserotypen. Proben von Kindern aus Deutschland enthielten nur zu 2 Prozent multiresistente Erreger, die Hälfte davon bezog sich auf Impfserotypen.

Flüchtlingskinder erkranken nach diesen Daten also wesentlich häufiger als Kinder aus Deutschland an Serotypen, welche durch Impfungen vermeidbar wären, sowie an multiresistenten Keimen. Die fehlende Immunisierung bei Flüchtlingskindern könnte dazu beitragen, dass das Risiko für eine Infektion mit multiresistenten Serotyp-Pneumokokken bei ungeimpften oder unzureichend geimpften Kindern aus Deutschland zunimmt, schlussfolgern die Studienautoren.

Umgekehrt könnte "die komplette Immunisierung dieser Kinder helfen, das Risiko für Krankheit und Tod durch Pneumokokken in Deutschland zu senken". Es lohne sich also, ein Pneumokokken-Impfprogramm bei Flüchtlingskindern in Betracht zu ziehen, geben die Experten um Perniciaro zu bedenken.

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