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HINTERGRUND

Jetzt häufen sich Infekte mit Influenza- und Noroviren - eine Chance, bei Pandemie-Plänen voranzukommen

Veröffentlicht:

Von Nicola Siegmund-Schultze

Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit sagt es den Bürgern deutlich: "Es muß mit einer Katastrophe, also mit einer nur schwer zu bewältigenden Notlage und einer erheblichen Übersterblichkeit gerechnet werden", heißt es (Editorial zum aktuellen Influenza-Notfallplan). Das Orthomyxovirus werde die Menschheit in einer Raum-Zeit-Relation bedrohen, "die ihresgleichen sucht".

Experten rechnen fest mit der Verbreitung neuer Grippeviren

So drastisch mochte es Professor Klaus Stark vom Robert-Koch-Institut in Berlin nicht formulieren. Aber auch er ließ bei einer Podiumsdiskussion der Deutschen Flugsicherung in Frankfurt/Main keinen Zweifel: Epidemiologen rechnen fest mit einer weltweiten Verbreitung neuartiger, hochpathogener Influenzaviren.

    Die Situation in Südostasien bedroht die Bevölkerung weltweit.
   

Alarmiert haben die Experten die jüngsten Entwicklungen in Südostasien. Zwischen Januar 2004 und Februar 2005 sind in Kambodscha, Thailand und Vietnam 55 Infektionen von Menschen mit aviären Influenza-A-Viren (H5N1) gesichert worden. 42 davon verliefen tödlich.

"Bisher ist nur einmal eine Übertragung dieser Viren von Mensch zu Mensch bekannt geworden", erläuterte Stark. In Vietnam werden allerdings zwei Fälle möglicher Infektionen zwischen Menschen mit Influenza A Subtyp H5N1 noch untersucht. Anhaltende Transmissionen der Vogelgrippe-Viren zwischen Menschen würden derzeit nicht beobachtet.

Dennoch bedrohe die Situation in Südostasien die Weltbevölkerung, da sich die Viren höchst wahrscheinlich weiter an den Menschen adaptierten. Zwei Erkrankungen nach Infektion mit der Geflügel-Influenza sind atypisch verlaufen, so daß die Forscher mit einer erheblichen Dunkelziffer rechnen (wir berichteten).

Ein Junge hatte außer Fieber, Übelkeit und Kopfschmerzen schwere Durchfälle und war schließlich infolge einer Enzephalopathie gestorben. Auch eine 39jährige Thailänderin litt unter Durchfällen und starb schließlich an einer akuten respiratorischen Insuffizienz (ARDS). Beide Opfer waren mit Influenza A Subtyp H5N1 infiziert.

Der Erreger wird vor allem durch Kot und Sekrete verseuchter Tiere übertragen. Das Zusammenleben von Tier und Menschen auf engem Raum, wie es in vielen Ländern Asiens üblich ist, fördert die Entstehung völlig neuer genetischer Rekombinanten durch den Austausch von Erbmaterial zwischen tier- und humanpathogenen Influenzaviren. Auch die Massentierhaltung hilft den Viren, Artgrenzen zu überspringen und neue Regionen zu erobern.

Selbst Zugvögel können Auslöser sein. So ergab nach Angaben von Stark die Rekonstruktion eines Ausbruchs aviärer Influenza in den Niederlanden vor zwei Jahren, daß durchziehende Wildenten über ihren Kot freilaufendes Geflügel mit Influenza A Subtyp H7N7 infiziert hatten. Damals waren knapp dreihundert Menschen erkrankt, ein Mensch war gestorben.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) rät Südostasien-Reisenden, den Kontakt zu Geflügel zu vermeiden. Auch könne eine Immunisierung mit dem aktuellen Impfstoff erwogen werden. Die Grippeimpfung für die jetzige Saison schütze zwar nicht vor aviärer Influenza. Sie reduziere aber das Risiko, daß bei einer Doppelinfektion humanpathogene und aviäre Influenzaviren miteinander rekombinierten, so das RKI. Der volle Impfschutz entwickele sich nach 14 Tagen.

Außer der saisonüblichen Grippe-Welle haben es niedergelassene Ärzte derzeit oft mit einem anderen, relativ neuen Erreger zu tun: den Noroviren. Sie rufen Brechdurchfälle hervor und gehören zu den 34 seit 1972 neu entdeckten Krankheitserregern.

Aktivität des Norovirus ist ungewöhnlich hoch

Im Herbst 2002 ist die Zahl der Norovirus-Neuinfektionen im Vergleich zum Vorjahr erstmals stark gestiegen - teilweise auf tausend gemeldete Erkrankte pro Woche - und auch in diesem Winter ist die Aktivität des Virus ungewöhnlich hoch. Eine der Ursachen liegt vermutlich darin, daß neue Virusvarianten des Genotyps GGII.4 kursieren.

"Wenn solche neuen Mutanten auf eine nicht-immune Bevölkerung treffen, kommt es zu einem explosionsartigen Anstieg der Erkrankungszahlen", erläuterte Stark. Mit neuartigen Erregern, die auch verheerende Folgen für die Menschen haben könnten, müsse man weiterhin rechnen.

Vergleichsweise harmlose Grippe-Wellen wie die der letzten Jahre oder Norovirusinfektionen könnten auch als "Übungsfeld" genutzt werden, um flächendeckend mehr Vorbeugungs- und Behandlungspotenzial zu etablieren, sagte Stark. Da sei vor allem die Politik gefragt. Bei einer Influenzapandemie müsse dezentral agiert werden mit einem Schwerpunkt in der ambulanten Versorgung durch die Hausärzte.

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