Interview

Kaltes Plasma soll Wunden heilen

An der Uni Greifswald gibt es seit Kurzem den weltweit ersten Lehrstuhl für Plasmamedizin. Lehrstuhlinhaber ist der Pharmazeut Professor Thomas von Woedtke. Im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" erläutert er, warum Plasma auch für Ärzte künftig zwei Bedeutungen haben könnte.

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Plasma in den Händen: Mit ionisiertem Gas auf Zimmertemperatur wollen Mediziner künftig Wunden und Infektionen behandeln.

Plasma in den Händen: Mit ionisiertem Gas auf Zimmertemperatur wollen Mediziner künftig Wunden und Infektionen behandeln.

© James Steidl / fotolia.com

Ärzte Zeitung: Ein Arzt denkt bei dem Begriff Plasma an Blutplasma. Was versteht ein Plasmamediziner darunter?

Professor Thomas von Woedtke: Mit Blutplasma hat unsere Arbeit tatsächlich nichts zu tun. Ich gebe jetzt mal wieder, wie unsere Physiker Plasma definieren: Plasma ist ein Aggregatszustand, der entsteht, wenn einem Gas weitere Energie zugeführt wird.

Chemisch kommt es dabei zu einer Ionisierung des Gases. Plasma ist also Gas in einem angeregten Zustand. Und als solches hat es Eigenschaften, die medizinisch interessant sind.

Prof. Thomas von Woedtke

Aktuelle Position: Inhaber der W2-Professur "Plasmamedizin" an der Medizinischen Fakultät der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Werdegang/Ausbildung:

1999 Promotion zum Dr. rer. nat. an der Universität Greifswald 2005 Habilitation im Fach Pharmazeutische Technologie

Seit 2005 Mitarbeiter des Leibniz-Institutes für Plasmaforschung und Technologie e.V.

Seit 2008 Leiter des Forschungsschwerpunktes "Plasmamedizin/ Dekontamination" im Bereich "Plasmen für Biologie & Medizin"

Ärzte Zeitung: Wie sieht Plasma aus? Und wie wird es erzeugt?

von Woedtke: Die Physiker sagen, dass 99 Prozent der sichtbaren Materie aus Plasma bestehen. Die Sonne oder auch Blitze sind heiße Plasmaformen. Es gibt aber auch kaltes Plasma, das etwa in Leuchtstoffröhren oder zur Veredelung von Kunststoffen eingesetzt wird.

Uns in der Medizin interessiert vor allem dieses kalte Plasma. Wir stellen aus Edelgasen oder Gasgemischen mit Hilfe von elektrischer Energie oder Mikrowellen ein Plasma her und können dieses dann mit einer Art Stift applizieren.

Das sieht aus wie ein Feuerzeug. Plasma ist aber keine Flamme. Unsere Plasmen haben Raumtemperatur oder maximal Körpertemperatur. Daran kann man sich nicht verbrennen.

Ärzte Zeitung: Welche Eigenschaften des Plasmas machen es interessant für die Medizin?

von Woedtke: Für die Medizin wurde Plasma vor allem deswegen interessant, weil es Mikroorganismen abtöten kann. In diesem Zusammenhang wird es auch schon seit über 20 Jahren beforscht, beispielsweise als Alternative zum Autoklavieren bei hitzeempfindlichen Materialien.

In den letzten Jahren kam dann die Überlegung hinzu, dass Plasma möglicherweise auch zur Behandlung von biologischen Oberflächen und zur Behandlung von Implantaten eingesetzt werden kann.

Ärzte Zeitung: Welche Anwendungsszenarien wären dabei denkbar?

von Woedtke: Im Campus PlasmaMed, an dem federführend das Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie Greifswald, die Universitäten Greifswald und Rostock und weitere Partner beteiligt sind, haben wir drei Schwerpunkte definiert.

Da ist zum einen der Einsatz von Plasma zur Behandlung chronischer Wunden. Hier gibt es interessante Erkenntnisse der letzten Jahre, die zeigen, dass Plasma nicht nur antiseptisch wirkt, sondern auch die Regeneration von Gewebe fördert.

Das zweite Feld sind schwer therapierbare Hauterkrankungen: Pilzinfektionen, Psoriasis oder Akne. Und dann gibt es Projekte im zahnmedizinischen Umfeld zur Entfernung von Biofilmen.

Ärzte Zeitung: Reden wir hier über In-vitro-Studien, oder gibt es auch schon erste Erfahrungen bei Patienten?

von Woedtke: Es gab bisher weltweit nur eine klinische Studie mit Plasma, bei Patienten mit chronischen Wunden. Wir wollen zunächst einmal mehr über die Grundlagen der Plasmawirkung bei biologischen Geweben herausfinden.

Außerdem bereiten wir eine Studie bei Patienten mit Pilzerkrankungen der Haut vor. Das hat den Vorteil, dass die Epidermis noch intakt ist und wenig Tiefenwirkung zu erwarten ist.

Ärzte Zeitung: Welche unerwünschten Effekte könnte Plasma haben? Und wie oft würde man es applizieren?

von Woedtke: Unser bisheriger Eindruck ist, dass bei korrekter Dosierung kaum Nebenwirkungen zu erwarten sind. Was die Dosierung angeht: Die einzelne Applikation geht schnell. Die Frage ist, wie oft man das dann wiederholen muss. Vielleicht sind es drei oder vier Sitzungen. Aber genau das wollen wir ja herausfinden.

Wichtig ist: Wir können derzeit noch keine Behandlungen anbieten, da diese zugelassen werden müssen. Es könnte sein, dass wir in vier bis fünf Jahren so weit sind. Klar ist aber auch, dass Plasmamedizin noch keine Massenbewegung ist. Es gibt weltweit im Moment fünf größere Zentren, die sich damit intensiv befassen.

Das Interview führte Philipp Grätzel von Grätz

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