Standardimpfungen

Keine Gefahr für Allergiker

Eltern von Kindern, die zu Allergien neigen, haben oft Bedenken, wenn Impftermine näher rücken. Pädiater geben jetzt Entwarnung: Standardimpfungen bergen keine Gefahr.

Von Dr. Christine Starostzik Veröffentlicht:
Kinder mit erhöhtem Allergierisiko werden oft gar nicht oder nur unvollständig geimpft.

Kinder mit erhöhtem Allergierisiko werden oft gar nicht oder nur unvollständig geimpft.

© Dmitry Naumov / fotolia.com

FRANKFURT. Kinder mit erhöhtem Allergierisiko werden zuweilen nicht, unvollständig oder mit Verzögerung geimpft. Doch damit steigt die Gefahr schwerer Infektionsfolgen.

Der Frankfurter Pädiater Privatdozent Dr. Christoph Grüber hat zusammen mit Kollegen der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA) in einem Konsensuspapier den gegenwärtigen Kenntnisstand zu Impfungen bei allergiegefährdeten Kindern zusammengefasst (Pädiatrische Allergologie, Sonderheft "Allergie und Impfen" 2015).

Die Experten hoffen, mit ihren Empfehlungen dazu beizutragen, die erforderlichen Schutzimpfungen für alle Kinder sicherer zu machen und die Durchimpfungsraten zu verbessern.

Daten aus Kohortenstudien

Schwere allergische Impfreaktionen sind sehr selten, aber sie kommen vor und sind nicht vorhersagbar. Als Allergene können die Impfstoffe selbst (zum Beispiel Toxoide, Toxine), Zusatzstoffe wie Stabilisatoren (zum Beispiel Gelatine, Laktose), Konservierungsmittel (zum Beispiel Formaldehyd, Thiomersal) oder Antibiotika sowie Kontaminationen aus dem Herstellungsprozess (zum Beispiel Hühnerei, Pferdeserum) oder durch Latex wirken.

Anders als häufig befürchtet, fördern spezifische Standardimpfungen die allergische Sensibilisierung gegen Umweltallergene wie Pollen oder Nahrungsmittel nicht. Dies belegen Kohortenstudien zur Pertussis- beziehungsweise MMR-Impfung.

Auch die Entwicklung allergischer Erkrankungen wie Neurodermitis, Asthma und Heuschnupfen wird durch die Standardimpfungen nach derzeitigem Wissensstand nicht begünstigt.

Grundsätzlich geht man heute davon aus, dass Allergiker wie Nichtallergiker nach den allgemeinen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) geimpft werden sollen. Für Kinder mit Neurodermitis, Asthma oder Heuschnupfen empfiehlt die STIKO die üblichen Standard- sowie nötige Indikationsimpfungen.

Wie bei jeder Infektion kann es bei Atopikern nach einer Impfung zur vorübergehenden Verschlechterung des Hautbildes kommen. Bei akuten schweren Erkrankungen soll erst nach der Genesung geimpft werden, ebenso bei Exazerbation allergischer Krankheiten.

Für Patienten unter subkutaner Hyposensibilisierung wird geraten, möglichst in der Erhaltungsphase und genau zwischen zwei Allergengaben zu impfen. Bei sublingualen Immuntherapien ist kein zeitlicher Abstand erforderlich.

Impfung trotz Hühnereiweißallergie

Impfstoffe gegen Masern-Mumps-Röteln (MMR), Tollwut und FSME können allenfalls Spuren von Hühnereiweiß enthalten. Leitlinien zufolge gilt eine Hühnereiweißallergie aber nicht mehr als Kontraindikation für die MMR-Impfung. So werden Kinder mit bekannten Hautreaktionen standardmäßig geimpft.

Ist schon einmal eine Atmungs-, Kreislauf- oder gastrointestinale Reaktion nach einer Impfung aufgetreten, sollte laut RKI nur ein Arzt impfen, der Erfahrung im Erkennen und Behandeln von anaphylaktischen Reaktionen bei Kindern hat. Zudem sollte das Kind anschließend mindestens zwei Stunden überwacht werden.

Vorausgegangene Impfreaktion?

Höhere Hühnereiweißmengen können Influenza- und Gelbfiebervakzine enthalten. Kinder mit lokalen Hautreaktionen sollen gegen Grippe nicht per Nasenspray mit abgeschwächten Viren, sondern mit trivalenter inaktivierter Influenza-Vakzine (TIV) geimpft und anschließend mindestens zwei Stunden beobachtet werden.

Bei vorausgegangener systemischer Reaktion soll die Influenzaimpfung unter stationärer Überwachung erfolgen. Für Gelbfieberimpfungen gilt dies generell nach allergischer Reaktion.

Ist eine allergische Impfreaktion aufgetreten, sollte eine erneute Impfung erst nach sorgfältiger Anamnese und Risiko-Nutzen-Abschätzung im Gespräch mit Patient und Eltern durchgeführt werden. Hauttests mit dem Impfstoff oder dessen Einzelkomponenten können eine IgE-vermittelte allergische Reaktion nachweisen.

Sie sollten in zeitlichem Abstand von mindestens vier Wochen zur Reaktion auf den Impfstoff durchgeführt werden. Eine intrakutane Testung wird erst empfohlen, wenn der Prick-Test negativ ausfällt. Wurde das kausale Antigen identifiziert, sollte bei künftigen Impfungen immer versucht werden, einen alternativen Impfstoff einzusetzen.

Die Bestimmung des Serum-IgE gegen Impfantigene ist wegen mangelnder prädiktiver Wertigkeit nicht sinnvoll.

Nach einer allergischen Sofortreaktion auf Hühnereiweiß wird im Einzelnen folgendes Vorgehen empfohlen: Bei vorausgegangener lokaler Reaktion und negativem Hauttest wird der Impfstoff standardmäßig in der Praxis verabreicht und der Patient anschließend 60 Minuten lang beobachtet.

War der Hauttest nach lokaler Reaktion positiv, sollte die Dosis fraktioniert und der Impfling ebenfalls eine Stunde nachbeobachtet werden.

Patienten mit einer systemischen Reaktion auf die letzte Immunisierung sollen künftig grundsätzlich in der Klinik geimpft werden. Je nach Ausgang der Hauttests wird dort mit geteilten oder fraktionierten Dosierungen gearbeitet und der Patient anschließend mindestens zwei Stunden überwacht.

Grundsätzlich gilt: "Die Durchführung jeder Schutzimpfung erfordert die fachliche Qualifikation und die Ausstattung zur Behandlung potenzieller anaphylaktischer Reaktionen."

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