Multiresistente Keime

Klinik-Abwässer – Ein kaum beachtetes Infektionsreservoir

Abwässer aus Kliniken (und anderen Quellen) bergen Risiken für die Ausbreitung multiresistenter Keime in Flüssen, so eine Untersuchung. Die beteiligten Forscher suchen im HyReKA-Projekt nach Lösungsansätzen.

Von Wolfgang GeisselWolfgang Geissel Veröffentlicht: 04.04.2019, 05:51 Uhr
Von der Kläranlage in die Flüsse? Forsher untersuchen, wie MRE in die Natur gelangen.

Von der Kläranlage in die Flüsse? Forsher untersuchen, wie MRE in die Natur gelangen.

© aquatarkus / stock.adobe.com

BONN. Multiresistente Erreger (MRE) in Bächen, Seen und Flüssen von Deutschland haben in den vergangenen Jahren immer wieder für Aufsehen gesorgt. Die Verbreitung solcher Bakterien durch Abwässer ist potenziell eine Gefahr für Menschen, und zwar besonders für solche mit geschwächtem Immunsystem.

Generell sind multiresistente Keime eine wachsende Bedrohung: Über 33.000 Menschen pro Jahr sterben in Europa heute an solchen Erregern und die Krankheitslast durch die resistenten Bakterien ist bereits höher als durch Influenza, Tuberkulose und HIV zusammen, hat kürzlich das „European Centre for Disease Prevention and Control“ (ECDC) berichtet.

Welchen Anteil haben aber MRE in unseren Ab- und Gewässern an dem Problem? Welche Eintragspfade und Verbreitungswege und damit mögliche Risiken für Mensch und Umwelt können identifiziert werden? Diesen Fragen gehen Wissenschaftler im Verbundprojekt HyReKA nach, berichtet die Universität Bonn in einer Mitteilung.

Von der Klinik in die Umwelt?

Erforscht werden mögliche Eintragspfade und Verbreitungswege resistenter Keime sowie Resistenzgene und Antibiotika-Rückstände an einem Krankenhaus der Maximalversorgung, an Tiermast- und Schlachtbetrieben sowie aus Flugzeugen und Flughäfen und deren Weiterverbreitung über Kläranlagen in Gewässer.

  • Bei der Quellensuche für Antibiotika-Resistenzen wurde beginnend in der Klinik (Sanitäranlagen in Patientenbereichen) der gesamte Abwasserweg bis in den Vorfluter der Kläranlage unter die Lupe genommen.
  • Als Vergleich diente ein unbelastetes Flusssystem mit fast keinen Belastungen im Einzugsbereich.
  • Zusätzlich wurden entsprechende Abwässer direkt in Mast- und Schlachtbetrieben untersucht und deren Ausbreitung über die Kläranlagen und in Gewässer analysiert.
  • Flugzeugtoiletten und Rohwässer wurden ebenfalls untersucht.
  • Im Fokus standen dabei die von der WHO als besonders kritisch angesehenen Antibiotika (Carbapeneme, Colistin) und resistenten Erreger. Solche Keime sind „mittlerweile eine große Herausforderung für Krankenhaushygiene, Tier- und Lebensmittelhygiene und öffentlichen Gesundheitsschutz“, wird der Leiter des HyReKA-Verbundprojekts Professor Martin Exner vom Uniklinikum Bonn in der Mitteilung zitiert.

Erreger in Klinikabwässern

In den Klinikabwässern wurden antibiotika-resistente Bakterien und Resistenzgene nachgewiesen; im Vergleich dazu wurden diese Erreger in dem wenig belasteten Gewässersystem nur sehr selten nachgewiesen. Rückstandsuntersuchungen in Klinikabwässern zeigten auch höhere Antibiotika-Konzentrationen als in freien Gewässern.

Solche Ergebnisse sollen Basis für entsprechende Empfehlung zur Krankenhaushygiene sein. Für den Hygiene-Experten Exner sind dabei Patienten-Ausscheidungen aus Waschbecken, Duschen und Toiletten in Kliniken „ein fast vollständig übersehenes Infektionsreservoir“, wie er in einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ betont hat.

In dem Bericht spricht er sich für Maßnahmen in Patienten-Zimmern aus, etwa Toiletten ohne Spülrinnen und Waschbecken mit erhitzbaren Siphons. Klärwerke sollten zudem mit Membranverfahren zur Reduktion resistenter Keime ausgestattet werden, so Exner.

Mast- und Schlachtbetriebe

Bei den untersuchten Masttierhaltungen und Schlachtbetrieben zeigte sich, dass in Mastställen keine Abwässer anfallen, die in kommunale Kläranlagen eingeleitet werden. Untersuchungen ergaben, dass die Bakterien aus den Abwässern von landwirtschaftlichen Betrieben weniger multi-resistent sind als jene aus der Humanmedizin.

Dabei zeigt sich der verantwortungsbewusste Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung als die wichtigste Stellschraube zur Vermeidung von Resistenzen. In Geflügel- und Schweineschlachthöfen wiesen die Forscher an fast allen Probenahmestellen resistente Krankheitserreger nach, die aber durch betriebseigene Kläranlagen zum Großteil eliminiert werden.

Keimreservoir Flugzeugtoilette

Die Untersuchung von Flugzeugabwässern zeigte dort eine außerordentliche Vielzahl unterschiedlicher Resistenzgene, weswegen einer guten Toilettenhygiene in Flugzeugen offensichtlich eine bislang unterschätzte Bedeutung zukommt.

Konventionelle Abwasserklärung reduzierte Bakterien zwar deutlich, es wurden aber nie alle Mikroorganismen entfernt, heißt es in dem Bericht weiter. Untersuchungen von zusätzlichen Abwasserbehandlungsverfahren ergaben, dass es sich bei der Ultrafiltration um die effizienteste Methode handelt, die nahezu 100 Prozent aller resistenten Bakterien zurückhält.

Andere getestete Methoden (etwa Ozonierung oder UV) waren nicht ganz so effektiv und ermöglichten eine Vermehrung überlebender Erreger.

Die Ergebnisse von HyReKA fließen in neue Empfehlungen und Richtlinien ein, um die weitere Belastung durch Antibiotika-Resistenzen in Abwässern deutlich zu senken, so die Uni Bonn. Das Umweltbundesamt prüft etwa die Ergebnisse des Projektes dahingehend, inwieweit Regelungen für die Abwasseraufbereitung erforderlich sind. Und für Kliniken werden neue Hygieneanforderungen für die Abwasserentsorgung entwickelt.

Projekt HyReKA

  • Abkürzung: Hygienischmedizinische Relevanz und Kontrolle Antibiotika-resistenter Erreger in Abwässern und die Bedeutung für Rohwässer.
  • Ergebnisse des Projekts werden am 3. und 4. April in Berlin vorgestellt.
  • Partner sind das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die Universität Bonn, die TU Dresden, die RWTH Aachen, das Umweltbundesamt und Kommunen.

Mehr Informationen: www.hyreka.net

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