Comprehensive Care Center

Krebstherapie: Zu wenige Behandlung finden in Krebszentren statt

Der Erfolg von Krebstherapien ist abhängig einerseits von der Verfügbarkeit innovativer Arzneimittel, andererseits von der Nutzung zertifizierter Zentren. Aber immer noch werden zu wenige Patienten in Zentren behandelt.

Helmut LaschetVon Helmut Laschet Veröffentlicht:
 Nationale Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg

Obwohl für viele Krebspatienten ein Comprehensive Care Center – hier das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg – in weniger als 20 Minuten Autofahrt erreichbar wäre, werden immer noch zu viele Patienten in weniger geeigneten Krankenhäusern behandelt.

© Frank Ockert / NCT Heidelberg

Berlin/Paris. Vor allem in der Onkologie sind in den vergangenen Jahren aufgrund von Erkenntnissen der Molekularbiologie und der Immunologie neue, wirksamere und teils stratifizierbare individuelle Therapien entwickelt worden. So hat die EMA zwischen 2004 und 2022 insgesamt 152 neue onkologische Wirkstoffe zugelassen.

Die Kehrseite der Medaille ist, dass sich die Kosten für Krebstherapeutika exponentiell entwickeln: Nach Angaben des Marktforschungsinstituts IQVIA stiegen sie von 100 Milliarden Dollar im Jahr 2017 auf fast 200 Milliarden Dollar 2023 und könnten bereits 2028 bei fast 450 Milliarden Dollar liegen.

Vor dem Hintergrund steigender Preise für diese Innovationen und einer zugleich steigenden Zahl von Patienten stehen laut OECD gesundheitspolitische Entscheider in allen Ländern vor der Herausforderung, effektive und effiziente Wege zu finden, eine qualitativ hochwertige Krebsversorgung sicherzustellen.

Nutzung von Biosimilars

Eine Möglichkeit, Effizienzreserven zu erschließen, ist die konsequente Nutzung von Generika und Biosimilars. In diesem Punkt gehört Deutschland sicher zu den führenden Ländern, was die rasche Durchdringung des Marktes mit Biosimilars betrifft.

Vor dem Hintergrund der Neuentwicklungen stratifizierter Therapien hält die OECD es für nötig, dass der Einsatz dieser Therapien auch tatsächlich gezielt auf der Basis von Tests mit Biomarkern erfolgt. Die zusätzlichen Ausgaben für Compagnon Diagnostics seien kosteneffektiv, weil nur so eine gezielte Nutzung von Hochkostentherapien möglich sei.

Ein weiterer wichtiger Aspekt für eine effektive und effiziente Versorgung ist die Behandlung von Krebspatienten schwerpunktmäßig in Comprehensive Care Centres. In Europa sind es die Organization of European Cancer Institutes und die European Academy of Cancer Science, die Akkreditierungssysteme zur Überprüfung von Exzellenz in Klinik und Forschung entwickelt haben. In Deutschland ist es die Deutsche Krebsgesellschaft, die solche Hochleistungszentren zertifiziert.

Im Prinzip existiert in Deutschland kein Mangel an solchen Zentren. Für rund die Hälfte aller Krebspatienten wäre ein CCC in weniger als 20 Autominuten erreichbar, nur ein kleiner Prozentsatz müsste Fahrzeiten von über 40 Minuten aufwenden.

Über 20.000 Lebensjahre könnten gewonnen werden

Trotz dieser relativ hohen Versorgungsdichte werden nach einer Analyse der Regierungskommission für die Krankenhausreform immer noch zu viele Patienten in weniger geeigneten Krankenhäusern behandelt. In einer Potenzialanalyse, in die elf Krebsentitäten einbezogen worden waren, hat die Kommission festgestellt, dass der Anteil der Patienten, die in zertifizierten Zentren versorgt werden, je nach Entität von 35 bis 84 Prozent reicht.

In fünf der elf Entitäten wird das Ziel des Nationalen Krebsplans, dass mindestens 50 Prozent der Patienten eine Zentrenversorgung erhalten, nicht erreicht. Das geht auf Kosten der Lebenserwartung und auch der Lebensqualität der Betroffenen.

Würden alle Krebspatienten in allen elf Entitäten in CCC behandelt, so hat die Kommission errechnet, könnten damit 20.400 Lebensjahre gewonnen werden. Zugleich hätte dies einen erheblichen Effekt auf die Lebensqualität, beispielsweise durch die Vermeidung anhaltender Inkontinenz nach einer Prostata-Operation und durch ein verringertes Risiko für eine Anastomose-Insuffzienz nach einer Behandlung eines Rektum-Karzinoms. Darüber hinaus könnte die Rezidivrate gesenkt werden.

Die jüngst von Bundestag und Bundesrat beschlossene Krankenhausreform adressiert die Erschließung dieser Potenziale. Mit der an Struktur- und Qualitätsvorgaben geknüpften Vergabe von Leistungsgruppen als Voraussetzung für die Gewährung von Vorhaltepauschalen könnte in den nächsten Jahren ein Fortschritt zugunsten von Qualität und Effizienz erreicht werden.

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