Gutenberg-Gesundheitsstudie

Lärm begünstigt psychische Probleme

Menschen, die unter einer lauten Umgebung leiden, entwickeln langfristig gehäuft Schlafstörungen und psychische Probleme. Das belegen Fünf-Jahres-Daten der Gutenberg-Gesundheitsstudie.

Von Beate Schumacher Veröffentlicht: 17.02.2020, 12:19 Uhr
Lärm begünstigt psychische Probleme

Fluglärm – Platz 1 der als störend empfundenen Lärmquellen.

© JeanLuc / stock.adobe.com

Mainz. Ein Zusammenhang zwischen Lärmbelästigung und psychischen Leiden ist bereits in früheren Studien beschrieben worden. Bei diesen Untersuchungen handelte es sich allerdings um Querschnittstudien, die nicht geeignet sind, zwischen Ursache und Wirkung zu differenzieren: Lärmbelästigung korreliert zwar mit dem messbaren Geräuschpegel, sie wird aber auch durch subjektive Faktoren beeinflusst.

Es könnte also durchaus sein, dass Menschen, die psychische Störungen haben, besonders geräuschempfindlich sind und deswegen eine höhere Lärmbelästigung angeben.

Ein Ärzteteam um Professor Manfred Beutel von der Universitätsklinik Mainz hat jetzt allerdings deutliche Hinweise, dass (auch) der umgekehrte Prozess zutrifft: Fünf-Jahres-Daten der Gutenberg-Gesundheitsstudie belegen, dass zunächst psychisch gesunde Teilnehmer, die eine starke Lärmbelästigung in ihrem Alltag angeben, langfristig vermehrt Schlafstörungen sowie Symptome einer Depression oder Angststörung entwickeln (Eur J Public Health 2020; online 8. Februar).

Bei Lärm stieg das Risiko für Störungen

In die Untersuchung konnten mehr als 9800 Studienteilnehmer (mittleres Alter 54 Jahre) einbezogen werden. Die Lärmbelästigung insgesamt war nach fünf Jahren ähnlich hoch wie zu Studienbeginn, etwa 80 Prozent der Beteiligten fühlten sich zumindest leicht, 28 Prozent sogar stark oder extrem gestört.

Die Letztgenannten erfüllten verglichen mit Personen ohne Lärmbelästigung häufiger Kriterien für eine Depression (zwölf versus sieben Prozent), eine Angststörung (zehn versus fünf Prozent) oder Schlafprobleme (26 versus 16 Prozent).

Eine starke Lärmbelästigung zu Studienbeginn erwies sich aber als zusätzlicher und unabhängiger Prädiktor für das neue Auftreten der genannten Störungen: Bei Belästigung am Tage stieg das Risiko für spätere Angst- und Schlafstörungen (plus 13 beziehungsweise fünf Prozent), bei nächtlicher Lärmbelästigung das Risiko für Depressions- und Angstsymptome (plus zwölf beziehungsweise 13 Prozent). Als weitere Risikofaktoren stellten sich weibliches Geschlecht, jüngeres Alter und ein geringer sozioökonomischer Status heraus.

Am meisten stört der Flugverkehr

Auf Platz 1 der als störend empfundenen Lärmquellen stand zu beiden Befragungszeitpunkten der Flugverkehr. Fluglärm am Tag korrelierte mit dem späteren Auftreten von Depression und Angst. Schlafstörungen wurden dagegen vor allem durch als zu laut empfundene Nachbarn induziert. Beim Straßenverkehr war nur aktuell eine Verbindung zu allen genannten Problemen festzustellen.

„Wir vermuten einen bidirektionalen Zusammenhang“, schreiben Beutel und Kollegen. Einerseits erhöhten psychische Leiden die Vulnerabilität für Geräusche, andererseits trügen lärmbedingte Störungen von Alltagsaktivitäten und Schlaf und negative emotionale Reaktionen zum späteren Auftreten von psychischen Erkrankungen bei.

Die ermittelten Effektgrößen seien zwar klein, trotzdem würden die Beobachtungen „die Notwendigkeit unterstreichen, die psychische Gesundheit zu schützen, indem wir Lärmbelastung und -belästigung reduzieren“.

Eine Limitation der Studie ist, dass die Lärmbelästigung, aber nicht die objektive Geräuschbelastung erfasst wurde; gewisse Verzerrungen sind daher nicht auszuschließen. Außerdem wurden psychische und Schlafprobleme nicht auf der Basis medizinischer Diagnosen, sondern anhand validierter Fragebögen (Patient Health Questionnaire-9) festgestellt.

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Kommentare
Dr. Detlef Bunk

Gesundheitsabgabe...
Lärmbelästigung als auch das Wohnen in der Nähe von Flughäfen ist als pathogener Faktor bekannt und pathognomonisch für Schlafstörungen und ein ehöhtes Depressionsrisiko.
Nunmehr sollte die Politik sich stark machen, von den Betreibergesellschaften von Flughäfen eine Pathologisierungsabgabe an das kurative Gesundheitswesen zu leisten, die abhängig von der Bevölkerungsdichte im Umkreis von 10 km ist und betreffend der Kinder besonders hoch ist.
Dr. phil. Detlef Bunk, psychol. Psychoth., Essen


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