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Großforschungsprojekt ESCAPE

Luftschadstoffe beeinträchtigen viele Organsysteme

Die Lunge gilt zwar als Eintrittspforte für Schadstoffe aus der Luft, kurz- und langfristige Gesundheitsschäden scheinen jedoch vor allem im Herzkreislauf-System aufzutreten.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Die Rolle von Luftschadstoffen bei der Entwicklung von Asthma bleibt unklar, so Experten.

Die Rolle von Luftschadstoffen bei der Entwicklung von Asthma bleibt unklar, so Experten.

© Jean-Paul Bounine / Fotolia.com

STUTTGART. Mit dem europäischen Großforschungsprojekt ESCAPE* liegen inzwischen belastbare Daten aus 30 großen europäischen Kohorten zu Kurz- und Langzeitwirkungen von Luftschadstoffen auf die Gesundheit vor, hieß es beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) in Stuttgart. Das Besondere daran sei, erklärte Professor Joachim Heinrich von der LMU München, dass die Daten individuelle Expositionsschätzungen möglich machen. "Das ist das Beste, was wir derzeit zur Verfügung haben!", so Heinrich.

Manche Ergebnisse der Metaanalysen aus ESCAPE überraschen jedoch: Zwar lassen sich konsistent vermehrt Lungenkrebserkrankungen bei hohen Luftschadstoffbelastungen feststellen. Auch sind statistisch signifikante Zusammenhänge mit dem Auftreten von Pneumonien bei Kindern und Zusammenhänge zwischen Stickoxid-Belastungen und Mittelohrentzündungen bei Kindern zu erkennen. Allerdings bleibe die Rolle von Luftschadstoffen für die Entwicklung von Asthma bronchiale unklar, erklärte Heinrich in Stuttgart. Langfristige Einschränkungen der Lungenfunktion durch Luftschadstoffe seien zwar signifikant, aber sehr klein. Und: Es konnten keine Effekte für eine respiratorisch bedingte Übersterblichkeit oder adverse Effekte für COPD und Bronchitis bei Erwachsenen festgestellt werden.

Letzteres könnte auch daran liegen, dass diese Effekte durch die Auswirkungen des Rauchens überlagert werden. So wies Professor Annette Peters vom Deutschen Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt in Neuherberg darauf hin, dass sich das Rauchen in Bezug auf die durch Krankheit beeinträchtigten Lebensjahre (Disability Adjusted Life Years, DALY) etwa zehn Mal stärker auswirkt als die Luftverschmutzung mit Feinstaub und Stickoxiden.

Andererseits, sagte Peters, sei die Lunge zwar das Eintrittsportal für die Schadstoffe. Es verdichten sich aber die Hinweise auf systemische Wirkungen. So ist bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit festgestellt worden, dass ihr Herzinfarktrisiko dreifach höher ist, wenn sie sich vorher im Straßenverkehr aufgehalten haben. Feinstaub bewirke einen leichten Anstieg der Herzfrequenz, die Herzrhythmusvariabilität nehme in Abhängigkeit von der Schadstoffbelastung ab. "Entzündungsprozesse beginnen in der Lunge und werden systemisch", fasste Peters zusammen. Es gebe direkte Effekte auf das Gefäßsystem mit Induktion der Atherosklerose, das autonome Nervensystem werde aktiviert. Besonders relevant ist das für vulnerable Menschen – etwa alte Menschen mit Vorerkrankungen oder Kleinkinder.

So hat sich in ESCAPE ein klarer Zusammenhang zwischen Feinstaub- und Stickoxid-Belastung sowie Multimorbidität ergeben. Zwar gibt es keine spezifischen Auswirkungen auf bestimmte Erkrankungen wie Hypertonie, Diabetes oder Nierenerkrankungen. Aber das allgemeine Risikoprofil verschlechtere sich, so Peters. Und: "Die Effekte sind bereits unterhalb der gegenwärtigen Grenzwerte zu erkennen."

*ESCAPE – European Study of Cohorts for Air Pollution Effects www.escapeproject.eu

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