"Man muss versuchen, seinen Alltag gesünder zu organisieren."

Fast drei Viertel der Männer und die Hälfte der Frauen in Deutschland sind übergewichtig oder adipös. Viele wollen gesünder leben, schaffen es aber nicht. "Gesunder Lebensstil im Alltag - wie geht das?", haben wir Professor Andreas Fritsche gefragt.

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ernährung: Herr Professor Fritsche, sich gesünder ernähren, sich mehr bewegen - jeder weiß, dass das notwendig ist. Aber wie kann man das lernen, wie vor allem Menschen mit metabolischem Syndrom dazu dauerhaft motivieren?

Professor Andreas Fritsche: Ich habe den Eindruck, je mehr man über Diäten und das Essen spricht, je mehr man die Nahrungsaufnahme reglementiert, desto schlimmer wird die ganze Situation. Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung weisen darauf hin, dass sich eine zu starke Fokussierung auf eine Sache negativ auswirken kann. In unserem Fall betrifft das die Fokussierung auf das richtige Essen. Der bekannte Jojo-Effekt beim Nichteinhalten einer Diät ist gefährlich.

ernährung: Wie lautet also Ihr Vorschlag?

Fritsche: Prinzipiell ist für das Abnehmen natürlich eine Reduktion der Energiezufuhr nötig. Mit einer Ernährungsschulung für ein paar Stunden ist es nicht getan. Man muss versuchen, sein Alltagsleben gesünder zu organisieren. Dazu gehören täglich mindestens etwa 30 Minuten Bewegung im Alltag. Die Mahlzeiten sollten regelmäßig, am Besten in Gemeinschaft eingenommen werden, industrielle Fertigmahlzeiten sind abzulehnen. Die individuellen Empfehlungen dürfen nicht zu kompliziert sein, es sollten nicht zu viele Vorschriften gemacht werden. Was der Betreffende mag, sollte er auch essen dürfen. Nur punktuell sollten bestimmte Nahrungsmittel ausgetauscht werden.

ernährung: Appelle zugunsten eines gesünderen Lebensstils verpuffen meist. Gibt es Vorstellungen, wie man besser als bisher auf Menschen zugehen kann?

Fritsche: An der Uniklinik Tübingen (UKT) gibt es zum Beispiel das Projekt UKFit. Darin werden den Angestellten verschiedene Fitnessprogramme angeboten. In der Kantine gibt es gesunde, ausgewogene Nahrung. Bei einem großen Autohersteller in Stuttgart wird zum Teil am Fließband Sport getrieben, es gibt einen Sportclub und es wird auch viel für die Ernährung getan. Das sind sicher gute Ansätze.

Es sind aber auch Dinge wichtig, die primär nichts mit dem Kaloriengehalt der Nahrung zu tun haben: genügend Zeit und Ruhe zum Essen, die Umgebung muss stimmen, es muss ausreichend und das Richtige getrunken werden.

Wenn man in manche Schulmensa schaut, was für Trauben von Kindern für das Essen anstehen, welches Durcheinander herrscht und in welcher Stresssituation das Essen eingenommen wird, dann muss ich sagen, ist das keine geeignete Atmosphäre. Wir müssen dahin kommen, dass ungesunde Essgewohnheiten in der Kindheit gar nicht erst erlernt werden. Dazu braucht es nicht einzelne Programme, sondern ein gesamtgesellschaftliches Vorgehen. Wenn jetzt in Schulen Mensen eingerichtet werden, muss dort ganz selbstverständlich gesundes Essen angeboten werden. (ner)

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