ARI bei Kindern

Mehr Antibiosen durch Fernbehandlung

Telemedizin soll die medizinische Versorgung verbessern. Doch jetzt zeigt eine neue US-Studie: Sie kann auch unangenehme Nebenwirkungen haben.

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PITTSBURGH. Spätestens seit dem Ärztetag 2018 in Erfurt ist die ausschließliche Fernbehandlung auch in Deutschland angekommen. Standesvertreter und Politiker erhoffen sich dadurch, Lücken in der Versorgung schließen sowie Praxen und Kliniken entlasten zu können.

Was hierzulande noch neu ist, ist in anderen Staaten seit Jahren gang und gäbe. In den USA etwa gehören Telekonsultationen fast schon zum Alltag. Auf die Fernbehandlung spezialisierte Unternehmen schießen dort wie Pilze aus dem Boden – Firmen wie „American Well“, „Doctor on Demand“ oder Teladoc (Health Affairs 2017; 36(3): 485-491). Allein Teladoc betreut eigenen Angaben zufolge telemedizinisch über 20 Millionen Patienten. Dafür beschäftigt das Unternehmen rund 3000 Ärzte.

Befeuert wird der Trend zudem von den Versicherern, die mit diesen Dienstleistern zunehmend Verträge abschließen, um sie ihren Versicherten anzubieten. Von 2011 bis 2016 ist die Zahl der pädiatrischen Telekonsultationen von 38 auf knapp 25.000 Kontakte pro Jahr gestiegen. Hinter jedem zweiten Anlass steckten – vermeintliche – Infektionen der Atemwege oder Ohren (Acad Pediatr 2019; online 10. Januar).

Doch offenbar kann dieser Trend zu unangenehmen Nebenwirkungen führen – zumindest, wenn sie bei den „falschen“ Patienten und Indikationen eingesetzt wird. Darauf deuten jedenfalls Anfang dieser Woche publizierte Daten einer Studie des US-Instituts für Kindergesundheit (NICHD).

Danach führen Telekonsultationen zu deutlich mehr Verordnungen von Antibiotika (Pediatrics 2019; 143(5): e20182491). Kinder bis zum 17 Lebensjahr mit Verdacht auf einen akuten respiratorischen Infekt (Erkältung, Sinusitis, Halsweh) haben nach telemedizinischer Betreuung absolut 21 Prozent häufiger Antibiotika erhalten als nach Vorstellung in der Hausarztpraxis (52 versus 31 Prozent).

Selbst in Notaufnahmen wurden bei diesen Kindern seltener Antibiosen verordnet (42 Prozent).

Die Autoren der Studie sehen akute Atemwegsinfekte denn auch als ungeeignet für eine telemedizinische Abklärung. Ärzte können so nur unzureichend abklären, ob dahinter ein Virusinfekt oder gar eine andere nicht-bakterielle Erkrankung steckt.

Basis für diese retrospektive Kohortenuntersuchung sind Verordnungsdaten aus einem nationalen Gesundheitsplan für die Jahre 2015 und 2016. Verglichen haben die Forscher 4604 Telemedizinvisiten mit rund 38.000 Fällen in Notaufnahmen und fast einer halben Million Fällen in Hausarztpraxen. (nös)

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