Reanimation

Mit CARL bessere Prognose nach Herzstillstand

Forschende der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg haben mit CARL eine neue Therapie entwickelt, mit der Menschen nach einem Herzstillstand deutlich erfolgreicher als bisher reanimiert werden können – oft ohne neurologische Komplikationen.

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Das Gerät für die CARL-Therapie ist in Größe und Gewicht so konzipiert, dass es im Rettungswagen Platz findet und direkt zu Betroffenen getragen werden kann.

Das Gerät für die CARL-Therapie ist in Größe und Gewicht so konzipiert, dass es im Rettungswagen Platz findet und direkt zu Betroffenen getragen werden kann.

© Resuscitec 2021

Freiburg. CARL – Controlled Automated Reperfusion of the whoLe Body – ist ein Therapie-Konzept, das die Chancen der Reanimation bei Herzstillstand und die Prognose Überlebender verbessern soll. Forschende der Universität Freiburg haben gemeinsam mit deutschen und US-Kollegen die wichtigsten therapeutischen Faktoren für eine erfolgreiche Reanimation beschrieben (Nature Reviews Neuroscience 2021; online 21. Juli).

Zudem haben die Freiburger Ärzte und Kardiotechniker in den vergangenen Jahren im Startup Resuscitec eine spezielle und mobile Herz-Lungen-Maschine zur Reanimation entwickelt, die diese komplexen Anforderungen der Reanimation erfüllt, die also eine solche CARL-Therapie ermöglicht. In einem der ersten Einsätze überlebte eine Person einen Herzstillstand nach rund 120-minütiger Reanimation erfolgreich, teilt das Uniklinikum Freiburg mit. Die betroffene Person habe ohne Hirnschäden überlebt.

„Von großer Bedeutung für die Notfallmedizin“

„Nach jahrzehntelanger Forschung konnten wir in Freiburg eine neue Behandlungsmethode entwickeln, um die sonst üblichen Schäden nach Herzstillstand und Reanimation zu verringern. Unsere Erkenntnisse und das von uns entwickelte Gerät könnten von großer Bedeutung für die Notfallmedizin sein“, wird Professor Friedhelm Beyersdorf, Ärztlicher Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie am Uniklinikum Freiburg, zitiert.

„Diese CARL-Methode beinhaltet neueste Grundlagenforschungen und modernste herzchirurgische Techniken. Durch innovative eigene medizintechnische Entwicklungen haben wir nun die Möglichkeit, dieses neue Behandlungsprinzip innerhalb und außerhalb der Klinik anzuwenden“, so Beyersdorf.

Mögliche Schäden durch Sauerstoffmangel im Fokus

Als Folge eines Herzstillstands schwellen ja die Blutgefäße im Hirn an und sind dadurch weniger durchlässig für den Gasaustausch. „Durch einen hohen, pulsartigen Blutdruck während der kontrollierten Ganzkörper-Reperfusion (CARL-Therapie) können wir das Gehirn am schnellsten wieder versorgen“, erklärt Beyersdorf die neue Technik.

Der Sauerstoffgehalt müsse dabei niedrig sein und dürfe auch nur langsam gesteigert werden, da sonst freie Radikale im Gewebe entstehen, die unter anderem die als „Kraftwerke der Zellen“ fungierenden Mitochondrien angreifen. Auch eine reduzierte Kalziumkonzentration im Blut helfe, die Mitochondrien zu schützen. „Ganz wichtig ist es, die Körpertemperatur der Patienten und Patientinnen möglichst rasch zu senken, um Stoffwechselprozesse zu verlangsamen“, so Beyersdorf in der Mitteilung der Uni Freiburg.

Einzigartige Doppelpumpensteuerung

„CARL ist unseres Wissens das erste Gerät, das speziell für die Reanimation entwickelt wurde und die komplette Herz-Lungen-Funktion der Patientinnen und Patienten übernehmen kann. Vor allem aber ist es weltweit das einzige Gerät, das eine Behandlung der Schäden ermöglicht, die durch den Herzstillstand und den damit einhergegangenen Sauerstoffmangel entstanden sind. Möglich ist das, weil wir sofort alle wichtigen Parameter wie etwa Blutwerte messen und steuern können, die für eine erfolgreiche Reanimation notwendig sind“, erklärt Professor Christoph Benk, Bereichsleiter Kardiotechnik der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie am Uniklinikum Freiburg, die innovative Technik.

Eine einzigartige Doppelpumpensteuerung ermögliche den notwendigen hohen pulsatilen Blutfluss und realisiere einen hohen Blutdruck. Der Sauerstoffgehalt könne präzise gesteuert werden und über eine mobile Kühleinheit lasse sich der Körper der Betroffenen schnell und sicher herunterkühlen. Das Gerät sei in Größe und Gewicht so konzipiert, dass es im Rettungswagen Platz findet und direkt zu Betroffenen getragen werden könne, so Benk in der Mitteilung der Uni Freiburg.

Vielversprechende Daten aus einer Pilotstudie

In einer ersten Pilot-Studie konnten laut Mitteilung mit CARL viele der Betroffenen gerettet werden. Dabei war die Reanimationsdauer mit 50 bis 120 Minuten sehr lang. „Bei einem 43-jährigen Patienten war die Reanimation nach 70 Minuten erfolgreich. Der Patient ist wieder voll genesen und arbeitet wieder als Lehrer“, berichtet Professor Georg Trummer, Bereichsleiter Intensivmedizin der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie am Uniklinikum Freiburg.

In einem anderen Fall habe eine Patientin zuhause einen Herzstillstand erlitten und sei nach Ersthelfer-Reanimation per Helikopter ins Universitätsklinikum Freiburg gebracht worden. „Hier wurde die Patientin sofort an das CARL-Gerät angeschlossen und – nach 120 Minuten – erfolgreich reanimiert“, so Trummer. Die Patientin erlitt keine Hirnschäden und konnte in ihren Beruf zurückkehren.

Um diese ersten vielversprechenden Ergebnisse abzusichern, ist nun im Rahmen des Horizon 2020-Programms der Europäischen Kommission eine Studie an drei europäischen Universitäten geplant, wie die Uniklinik Freiburg mitteilt. (eb)

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