HINTERGRUND

Mit Herzklappen, die mitwachsen, leben schon mehrere Kinder

Von Beate Grübler Veröffentlicht:

An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hat eine Forschergruppe um den Herzchirurgen Professor Axel Haverich aus körpereigenen Zellen gezüchtete Herzklappen entwickelt, die nach der Implantation mitwachsen. Davon profitieren vor allem Kinder, denn der neue Gewebeersatz muß im Gegensatz zu Kunststoff-Klappen nicht regelmäßig ausgetauscht werden.

Bisher wurde die Pulmonalklappe bei 14 herzkranken Kindern erfolgreich eingesetzt, zwei operierte Kinder leben damit bereits seit mehr als drei Jahren. Alle Eingriffe wurden in einer Kooperation in der Universitätsklinik Chisinau in Moldawien vorgenommen. "Die Klappen sind dicht und wachsen mit, wir gehen deshalb davon aus, daß sie auch langfristig halten", sagte Haverich im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Für das Tissue Engineering - der In-vitro-Züchtung von Gewebeersatz - sei die mitwachsende Herzklappe ein großer Erfolg. Über den Stand der klinischen Anwendung berichtete das deutsch-moldawische Forscherteam auch Anfang Juli 2006 in der Fachzeitschrift "Circulation" (114, 2006, 132).

Neue Klappe schon innerhalb von drei Wochen fertig

Konventionelle mechanische oder biologische Herzklappen können nicht mitwachsen und müssen bei Kindern wenige Jahre nach der Implantation gegen größere Implantate ausgetauscht werden. Klappen aus Kunststoff erfordern außerdem eine lebenslange Behandlung mit Thrombozytenaggregationshemmern und sind anfällig für Keime.

An den Leibniz-Forschungslaboratorien für Biotechnologie und künstliche Organe (LEBAO) in Hannover wurde deshalb in jahrelanger Forschungsarbeit eine neuartige Bio-Herzklappe entwickelt. Als Gerüst dient eine zuvor von Zellen befreite Spenderklappe, die mit Endothelzellen aus dem peripheren Blut des Empfängers der neuen Klappe besiedelt wird.

"Daraus entsteht in vitro innerhalb von drei Wochen eine fast natürliche Herzklappe, die nach der Implantation keine Abstoßungsreaktionen hervorruft und auch nicht thrombogen ist", erläutert Haverich. "Alle bisher implantierten Herzklappen funktionieren einwandfrei".

Die implantierten Klappen passen sich dem Wachstum der Kinder an. Erkennbar ist das an Erweiterungen der Pulmonalklappenringe. Daß eine Herzklappenprothese mitwächst, konnte bisher bei Menschen noch für kein anderes Modell gezeigt werden - diesen Vorsprung möchten die Forscher aus Hannover umgehend nutzen. Sie planen deshalb eine multizentrische klinische Studie. Aber vorerst liegt das Projekt aus formalen Gründen auf Eis.

Zulassung der Herzklappe läßt noch auf sich warten

Noch ist unklar, ob eine bioartefizielle Herzklappe ein Medizinprodukt oder ein Arzneimittel ist. Klarheit bringt erst das neue Gewebegesetz, das Herzklappenprothesen vermutlich zu Arzneimitteln erklärt. Für deren Zulassung ist dann das Paul-Ehrlich-Institut zuständig. "Es geht deshalb zur Zeit nicht voran, außerdem fehlt unserem Labor die Erlaubnis zur Herstellung der Herzklappe", klagt Haverich.

Er könne deshalb anderen Kliniken keine Klappen zur Verfügung stellen, obwohl mehrere Anfragen vorlägen. "In Deutschland könnten wir die Klappe derzeit nur im Rahmen von Heilversuchen verwenden, aber nicht für eine größere Studie". Die Klinik in Moldawien produziert in der Zwischenzeit Klappen für den Eigenbedarf.

"Unsere Ethikkommission befürwortet die Verwendung dieser Klappe", erläutert Dr. Serghei Cebotari, der sich zur Zeit an der MHH zum Facharzt ausbilden läßt und den Kontakt zu seiner Heimatklinik hergestellt hat. "Die Nachfrage nach den Bioherzklappen ist groß."

Auch MHH-Chefchirurg Haverich bestätigt, daß Eltern herzkranker Kinder immer öfter nach der Bioklappe fragen. Vorerst müssen sie sich allerdings noch gedulden.



FAZIT

Insgesamt 14 Kindern sind in Moldawien bereits gezüchtete Herzklappen eingesetzt worden. Zwei Kinder tragen solche Klappen schon seit mehr als drei Jahren. Die mitwachsende Pulmonalklappe kann in Deutschland nicht implantiert werden, weil sie noch nicht zugelassen ist. Zudem fehlt dem Labor von Professor Axel Haverich an der Medizinischen Hochschule Hannover, in dem die Klappe entwickelt wurde, die Erlaubnis, sie herzustellen. Eine Klinik in Moldawien produziert inzwischen solche Klappen für den Eigenbedarf.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Treat-to-Target-Strategie

Gicht: Mit der Harnsäure sinkt auch das kardiovaskuläre Risiko

Erkenntnisse aus Studie fehlen noch

Bei Resmetirom sieht G-BA vorerst keinen Zusatznutzen

Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Potenzielle Schäden durch eine Influenza-Infektion an verschiedenen Organsystemen

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3, 17–19]

Impfen und Herzgesundheit

Mehr als nur Grippeschutz: Warum die Influenza-Impfung bei Menschen mit kardiovaskulären Erkrankungen so wichtig ist

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, Frankfurt a. M.
PARPi plus ARPi: Nur bei BRCA-Mutation oder auch für Patienten ohne Mutation?

© samunella / stock.adobe.com

Metastasiertes kastrationsresistentes Prostatakarzinom

PARPi plus ARPi: Nur bei BRCA-Mutation oder auch für Patienten ohne Mutation?

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Pfizer Pharma GmbH, Berlin
MRT-Bildgebung und Monitoring

© wedmoments.stock / stock.adobe.com

Plexiforme Neurofibrome bei Neurofibromatose Typ 1

MRT-Bildgebung und Monitoring

Sonderbericht | Beauftragt und finanziert durch: Alexion Pharma Germany GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Lesetipps
Ein todkranker Patient liegt in einem Bett auf der Palliativstation im Krankenhaus.

© ARMMY PICCA / stock.adobe.com

Palliativregisteranalyse

Menschen mit Krebs: Viel Schmerz am Lebensende