Früherkennung

Mit Screening bei Kleinkindern gegen Diabetes

In mehreren Studien werden Kleinkinder auf symptomlose Frühstadien von Typ-1-Diabetes auf Autoantikörper gescreent. Ziel ist es, den Diabetesausbruch zu stoppen. Wie erfolgreich ist dieser Weg?

Von Thomas Meißner Veröffentlicht: 27.08.2020, 13:04 Uhr
Diabetesfrüherkennung: Blutentnahme für die Antikörpertests.

Blutentnahme für die Antikörpertests zur Diabetesfrüherkennung.

© Institut für Diabetesforschung, Helmholtz Zentrum München

Finden sich bei Kleinkindern mehrere Autoantikörper gegen Inselzellproteine des Pankreas, dann bekommen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Typ-1-Diabetes (T1D). Mit Tests lässt sich das Risiko erkennen. In neun von zehn Fällen liegt keine positive Familienanamnese vor (Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2020).

Lohnt sich also ein Screening von Kleinkindern auf solche Diabetes-Frühformen? Ließe sich der klinische Ausbruch des Diabetes mit einer Immuntherapie verhindern? Diesen Fragen gehen Forscher zurzeit nach. Eines steht fest: Die Inzidenz des Typ-1-Diabetes steigt seit Jahren unvermindert an. Monate bis Jahre vor Manifestation finden sich im Blut bereits Autoantikörper gegen Inselproteine wie Insulin (IAA), Glutamatdecarboxylase (GADA), Tyrosinkinase (IA2A) oder Zinktransporter 8 (ZnT8A). Kinder mit zwei und mehr nachgewiesenen Inselzellantikörpern werden mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit binnen sieben bis acht Jahren einen symptomatischen T1D entwickeln.

Positive Familienanamnese nicht mit Progression assoziiert

280 von 90.632 auf Inselzellantikörper gescreente Zwei- bis Fünfjährige (0,31 Prozent) hatten einen präsymptomatischen T1D, so das Ergebnis der in Bayern zwischen 2015 und 2019 durchgeführten Studie Fr1da (Typ-1-Diabetes früh erkennen – früh gut behandeln). Die meisten waren (noch) normoglykämisch (JAMA 2020; 323: 339). Von den 280 identifizierten Kindern befanden sich 196 im Stadium 1 eines präsymptomatischen T1D (Normoglykämie), 17 Kinder im Stadium 2 (Dysglykämie) und 26 im Stadium 3 (Hyperglykämie, klinisch manifester T1D). Innerhalb von im Median 2,4 Jahren hatten weitere 36 Kinder einen klinisch manifesten T1D entwickelt. Bei den 196 Kindern im Stadium 1 betrug das Dreijahres-Progressionsrisiko für die folgenden Stadien 28,7 Prozent.

Die Faktoren dafür konnten die Autoren um Professor Anette-Gabriele Ziegler vom Institut für Diabetesforschung am Helmholtz Zentrum München ebenfalls identifizieren: vier positive Inselautoantikörper, positive IA2A, ein HbA1c 5,7 Prozent sowie auffällige Ergebnisse des oralen Glukosetoleranztests (AUC, 60-Minuten-Wert). Dagegen waren Geschlecht, Alter, positive Familienanamnese oder ein genetischer Risikoscore nicht signifikant mit einer Progression assoziiert.

Nur zwei Kinder der Studie hatten eine Ketoazidose entwickelt. Da es keinen Kontrollarm gab, kann schwer eingeschätzt werden, inwiefern das Screening Ketoazidosen verhindert hat. In Deutschland liegt die Prävalenz von Ketoazidosen bei der T1D-Diagnose bei etwa 20 Prozent.

Screening auf präsymptomatischen T1D möglich

Die Autoren der Fr1da-Studie hätten gezeigt, dass ein Screening auf einen präsymptomatischen T1D möglich ist, meint Professor Nanette Schloot vom Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf in einem Kommentar (InFo Diabetologie 2020; 14: 12). In einem nächsten Schritt wollen die Helmholtz-Forscher Kosten und Nutzen des Screenings analysieren. Außerdem sollen künftig auch Kinder zwischen neun und zehn Jahren in Bayern in den Autoantikörper-Check eingeschlossen werden.

In Niedersachsen läuft mit Fr1dolin ebenfalls eine Früherkennungsstudie von T1D zusammen mit familiärer Hypercholesterinämie – ausgewertet werden sollen Kapillarblutproben von etwa 100 000 Kindern. In Sachsen gibt es die Freder1k-Studie bei Neugeborenen. Freder1k aus Deutschland, Astr1d aus Schweden und Ingr1d aus dem UK bilden die Datenbasis für die Globale Plattform zur Prävention von Autoimmun-Diabetes (www.GPPAD.org).

Identifizierte Neugeborene können an der GPPAD-POInT-Studie teilnehmen, eine Primärpräventionsstudie zur Immuntoleranz-Induktionstherapie mit oralem Insulin: Kinder mit einem erhöhten genetischen Risiko für T1D erhalten im Alter ab sieben Monaten randomisiert, doppelblind und Placebo-kontrolliert täglich orale Insulingaben, um zu ermitteln, ob damit das Auftreten von Inselzellantikörpern und Diabetes reduziert werden kann. Kindern mit bereits nachgewiesenen Antikörpern können an der Präventionsstudie Fr1da-Insulin-Intervention teilnehmen. Ziel ist es, den klinischen Ausbruch der Krankheit zu verhindern.

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