Wenig beachtet

Neuropathie bei schneller HbA1c-Senkung

Eine schnelle Senkung des HbA1c-Werts zu Beginn einer Diabetestherapie führt offenbar öfter als bisher angenommen zu Neuropathien. Das berichten Neurologen aus den USA.

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Diagnostik bei Neuropathie: Das Vibrationsempfinden wird mit dem Stimmgabeltest untersucht.

Diagnostik bei Neuropathie: Das Vibrationsempfinden wird mit dem Stimmgabeltest untersucht.

© Visionär / fotolia.com

BOSTON. Eine akute Neuropathie mit symmetrischen Schmerzen zu Beginn einer Diabetes-Therapie ist als Therapie-induzierte Neuropathie bei Diabetes (TIND) oder auch als Insulin-Neuritis bekannt. Ursachen und Prävalenz sind bisher wenig erforscht.

Neurologen um Christopher H. Gibbons und Roy Freeman von der Harvard Medical School haben daher retrospektiv Daten von 910 Diabetikern ausgewertet, die in einer Fachklinik auf eine Neuropathie hin untersucht worden waren (Brain 2015; 138: 43).

Bei 168 Patienten war in der Vorgeschichte der HbA1c binnen drei Monaten um mindestens zwei Prozentpunkte gesenkt worden. Bei den 742 weiteren Diabetikern war der HbA1c-Wert weniger schnell oder gar nicht gesunken.

Hohe Inzidenz erstaunt Autoren

In der Gruppe mit schneller Blutzuckerkontrolle entwickelten 62 Prozent der Patienten eine TIND mit akuter Neuropathie oder Symptomen einer Schädigung des autonomen Nervensystems.

War der HbA1c binnen drei Monaten weniger als um zwei Prozentpunkte gesunken, litten dagegen nur zu 4,3 Prozent unter Neuropathien oder autonomen Symptomen. In der Gesamtgruppe der Patienten ergab sich damit eine TIND-Rate von 10,9 Prozent.

"Die hohe Inzidenz von TIND hat die Autoren offenbar selbst erstaunt", wird Professor Claudia Sommer von der Universität Würzburg in einer Meldung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) zitiert.

Möglicherweise werde aber die Häufigkeit von TIND in der Untersuchung überschätzt, weil nur Diabetiker mit Neuropathie-Symptomen daran teilnahmen, so die leitende Oberärztin von der Neurologischen Klinik.

Als größter TIND-Risikofaktor ergab sich in der Studie eine schnelle HbA1c-Absenkung. Je größer und je schneller die Reduktion, umso größer war nicht nur das Risiko für TIND, sondern auch für Retinopathie und Mikroalbuminurie.

Die Art der Therapie zum Absenken HbA1c-Wertes - ob Lebensstil-Änderung, Insulin oder andere Antidiabetika - spielte für das TINDRisiko dagegen keine Rolle. "Der naheliegende Ratschlag wäre daher, den HbA1c-Wert mit Bedacht abzusenken", so die Neurologin.

Welche Rolle spielt Gewichtsverlust?

Die Studienautoren selbst schlagen eine Absenkung von weniger als zwei Prozent in drei Monaten vor. Unklar ist bislang der Mechanismus, durch den ein veränderter Glukosespiegel zu Nervenschäden und Dysfunktionen führen könnte.

Die Autoren spekulieren über eine mögliche Rolle des Gewichtsverlustes.

Sommer ist skeptisch und fordert, die Pathophysiologie von TIND in Kooperation mit Diabetologen weiter zu erforschen.

"Morphologische Untersuchungen der Hautinnervation, mikroneurografische Analysen der Nozizeptoren und metabolische Untersuchungen zum Beispiel auf glykierte Serumproteine vor und nach der HbA1c-Regulierung könnten helfen, TIND aufzuklären."

"Diese Arbeit ist von großer praktischer Bedeutung", sagt Sommer. "Wenn sich die Befunde bestätigen, müsste der Stoffwechsel bei Patienten mit Diabetes in Zukunft deutlich langsamer normalisiert werden", wie die Neurologin betont. (eis)

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