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HINTERGRUND

Pandemie-Kosten entstehen vor allem durch die Versuche der Menschen, der Infektion zu entgehen

Von Monika Peichl Veröffentlicht:

Schlagzeilen hat die Vogelgrippe seit einem halben Jahr nicht mehr gemacht, doch in Expertenkreisen steht das Thema Influenza-Pandemie nach wie vor auf der Tagesordnung. Dabei geht es etwa um die Impfstoffentwicklung und ihre Finanzierung oder um Vorsorgepläne und Krisenmanagement. Auch über die ökonomische Seite einer Influenza-Pandemie wird jenseits der Schlagzeilen weiter diskutiert.

So haben Weltbank und Internationaler Währungsfonds im Sommer und im Herbst, etwa auf einer Konferenz in Singapur, neue Schätzungen zu den volkswirtschaftlichen Einbußen durch eine weltumspannende Grippe-Epidemie vorgelegt: über eine Billion US-Dollar und möglicherweise sogar zwei Billionen US-Dollar.

Wirtschaftsleistung könnte um vier bis fünf Prozent sinken

Das ist erheblich mehr als die rund 800 Milliarden US-Dollar, die die Experten noch im Herbst 2005 errechnet hatten, und auch mehr als die im Mai dieses Jahres genannten 965 Milliarden US-Dollar. Die Wirtschaftsexperten haben bei ihrer neuen Berechnung diese Szenarien durchgespielt:

  • Eine milde Pandemie, vergleichbar der von 1968, mit etwa einer Million Influenza-Todesfällen - sie hätte ein Prozent Rückgang der globalen Wirtschaftsleistung zur Folge.
  • Eine schwere Pandemie, vergleichbar der von 1918/19, mit etwa 70 Millionen Influenza-Todesfällen - in diesem Fall würde die Wirtschaftsleistung weltweit um vier bis fünf Prozent sinken.

Dabei wären es nicht die Krankheits- und Todesfälle, die die größten wirtschaftlichen Folgen hätten, meint Weltbank-Ökonom Milan Brahmbhatt, sondern die "unkoordinierten Versuche der Menschen, der Infektion zu entgehen". Das sei jedenfalls beim Sars-Ausbruch in Südostasien der Fall gewesen, bei dem einerseits die Nachfrage in der Reise- und Tourismusbranche schlagartig eingebrochen sei und andererseits in den Betrieben die Arbeitskräfte gefehlt hätten, weil die Leute aus Angst vor Ansteckung ihren Arbeitsstätten ferngeblieben seien.

      Morbidität kommt teurer als die Letalität.
   

Zu den Produktionsausfällen kommen nach den Worten von Brahmbhatt die Kosten für die Störung und Unterbrechung der Wirtschaft durch staatliche Maßnahmen wie nationale und internationale Reiseverbote und Quarantäne. Folge sei der zumindest temporäre Zusammenbruch der nationalen und internationalen Produktions- und Distributionsketten. All diese Effekte summieren sich auf einen Rückgang der Weltwirtschaftsleistung in Höhe von zwei Prozent. Die Vorlage für diese Annahme gab der Sars-Ausbruch, der im zweiten Quartal 2003 das Bruttoinlandsprodukt der Region Ostasien um zwei Prozent einbrechen ließ, obwohl die Zahl der Todesfälle geringer war als zunächst befürchtet.

Die Kosten, die direkt durch Krankheits- und Todesfälle entstehen, sind nach Angaben der Weltbank nur schwer einzuschätzen, da es an detaillierten Studien mangelt. Es liegt aber auf der Hand, daß die Todesrate in den wenig entwickelten Ländern sehr viel höher wäre als in den reichen Industriestaaten mit ihrer Gesundheitsinfrastruktur. Krankheitsfälle sind, von kühler ökonomischer Warte aus betrachtet, deutlich teurer als Todesfälle - die Kosten, die durch die Influenza-Morbidität entstehen, werden auf 0,9 Prozent der Wirtschaftsleistung veranschlagt, die Kosten durch Sterblichkeit auf 0,4 Prozent.

Vorkehrungen gegen Influenza sind auch ökonomisch geboten

Alles in allem addieren sich die bei einer schweren Influenza-Pandemie erwarteten ökonomischen Verluste zu einem Einbruch der Weltwirtschaftsleistung (insgesamt etwa 40 Billionen US-Dollar) um 1,25 bis zwei Billionen US-Dollar. Der Nutzen von Vorkehrungen, die eine solche Pandemie verhindern oder zumindest abschwächen, dürfte vor diesem Hintergrund "in der Tat groß sein", so Brahmbhatts Resümee.

Auf lokaler Ebene fehlt es noch an konkreten Planungen

Dr. Wolfgang Weiß, Betriebsarzt bei Siemens in Erlangen, glaubt, daß die Vorkehrungen in Deutschland noch nicht reichen. "Industrie und Staat bereiten sich vor, aber bei den niedergelassenen Kollegen sind viele Probleme ungeklärt", sagt Weiß, der auf Veranstaltungen über betriebliches Pandemie-Management referiert. "Ärzte brauchen ein Konzept dafür, wie sie mit einem Massenansturm von Patienten umgehen."

Die Pandemie-Pläne der Länder gäben ja nur den Rahmen vor, auf der lokalen Ebene aber mangele es noch an Vorbereitung. In Erlangen arbeiten, wie der Betriebsarzt berichtet, Ärzte, Unternehmen und Gesundheitsamt bei der Krisenvorsorge eng zusammen. Das müßte es eigentlich in allen Städten geben. Denn, so betont Weiß: "Das Thema ist ja seit Jahren brisant."



STICHWORT

Pandemieplanung

Außer dem nationalen Pandemie-Plan, den das Robert-Koch-Institut 2005 veröffentlicht hat, liegen inzwischen auch Pandemie-Pläne einzelner Bundesländer vor. Die Einbeziehung der niedergelassenen Ärzte gilt jedoch als noch unzureichend. So heißt es im bayerischen Influenza-Pandemie-Rahmenplan vom August dieses Jahres, daß Vorsorgemaßnahmen in Arztpraxen getroffen werden "sollten". Dazu zählen etwa organisatorische Maßnahmen zur Minimierung von Patient-Patient-Kontakten durch räumliche Trennung oder das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Auf dem Deutschen Ärztetag im Mai wurde gefordert, daß die Bundesregierung die Übernahme der Kosten für die Umsetzung der Pandemie-Pläne und die Behandlung der Patienten gesetzlich regelt.

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