Therapie der Zukunft

Personalisierte Medizin weckt falsche Hoffnungen

Oft müssen Ärzte ihren enttäuschten Patienten erklären, dass die maßgeschneiderte Therapie noch in weiter Ferne liegt. Und vieles ist noch nicht absehbar.

Von Dirk Schnack Veröffentlicht: 18.11.2014, 05:02 Uhr
Personalisierte Medizin weckt falsche Hoffnungen

Personalisierte Medizin suggeriert etwas, das nicht eingelöst werden kann: Professor W.-D. Ludwig.

© AkdÄ

Personalisierte Medizin ist eines der aktuell am häufigsten genutzten Schlagwörter in gesundheitspolitischen Diskussionen. Trotz der inflationären Verwendung haben die meisten Menschen nur eine ungefähre Vorstellung davon, was sich dahinter verbirgt - was auch daran liegen dürfte, dass der Begriff in die Irre führt.

Richtig müsste es eigentlichBiomarker-basierte Stratifizierung heißen. Nur: Wer kann außerhalb eng begrenzter Fachkreise damit etwas anfangen?

Die falsche Wortwahl mag anziehender wirken, birgt aber Risiken. Professor Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, hält die missbräuchliche Verwendung des Begriffs schlicht für fahrlässig, "weil er auch bei den Kollegen etwas suggeriert, was sie nicht einhalten können".

Ludwig spielt damit auf die große Erwartungshaltung an, die die nur vermeintlich personalisierte Medizin bei Patienten hervorruft und die mit entsprechenden Wünschen in die Praxen kommen. Kathrin Herbst vom Ersatzkassenverband warnt davor, personalisierte Medizin als neues Allheilmittel zu propagieren und damit entsprechenden Handlungsdruck zu erzeugen. "Es geht nicht um die individuelle Zaubermedizin", betonte sie jüngst auf einer vdek-Veranstaltung zum Thema.

Potenzial noch gar nicht abschätzbar

Das bestätigt auch Allgemeinmediziner Dr. Stephan Hofmeister. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KV Hamburg sieht seine Kollegen durch die angeblich personalisierte Medizin in einem Spannungsfeld: "Es ist eine fast unlösbare Aufgabe, mit diesem Versprechen umzugehen", sagt er.

Den Patienten klar zu machen, dass es eben nicht den individuellen "Diagnose-Stecker" gibt, überfordere viele Ärzte. Besonders niedergelassenen Onkologen, Dermatologen und Ärzte anderer Fachgebiete, in denen erkrankte Patienten nach irreführenden Informationen in den Medien mit großen Hoffnungen in die Praxen kommen, sieht Hofmeister vor einer "intensiven und schwierigen Diskussion".

Für Experten wie Ludwig steht fest: Das Potenzial der Biomarker-basierten Stratifizierung ist derzeit noch gar nicht abschätzbar und es gibt jede Menge offener Fragen: Welchen Nutzen werden die auf den Markt gebrachten Produkte haben? Wer schützt uns vor Scheininnovationen? Für wen erzeugen wir die bei der Entwicklung anfallenden Datenmassen?

"Ich weiß nicht, ob Ärzte mit dem heutigen Wissen Patienten angemessen informieren können, um eine Entscheidung zu treffen", sagt Ludwig. Er hält die Datenlage für zu unsicher, um existenzielle Therapieentscheidungen zu treffen und die Möglichkeit, sich unabhängig zu informieren, für kaum gegeben.

Nicht einfach als Quatsch abtun

Andererseits sind Fortschritte in der Biomarker-basierten Stratifizierung nicht zu leugnen und viele Patienten verlangen nach Informationen. Ärzte können das im Gespräch mit den Patienten "nicht einfach als Quatsch aus dem Internet abtun", wie Professor Christian Gerloff warnte.

Der Neurologe und Klinikdirektor aus dem Hamburger UKE relativierte den Erwartungsdruck: "Wir erleben nicht, dass Patienten anklopfen und sagen, wir hätten gern personalisierte Medizin." Ihn stört an der öffentlichen Debatte, dass oft der Eindruck erweckt wird, es handele sich dabei um einen Quantensprung in der Medizin. Gerloff betrachtet die Biomarker-basierte Stratifizierung eher als eine konsequente Weiterentwicklung.

Ein anderes Problem, das die Ärzte umtreibt: Wie sollen die hohen Kosten für die Biomarker-basierte Stratifizierung getragen werden, ohne an anderer Stelle Einschnitte mit negativen Auswirkungen auf die Gesundheit vorzunehmen? "Wir müssen die Finanzströme dahin lenken, wo sie am meisten gebraucht werden", steht für Gerloff fest.

Und das darf nach Meinung Hofmeisters nicht zu Lasten der allgemeinen Gesundheitsversorgung gehen. Die Position der Krankenkassen dazu ist eindeutig. Herbst fordert "Innovationen, die einen echten Fortschritt bedeuten, einen Zusatznutzen aufweisen und ein positives Kosten-Nutzen-Verhältnis haben. Nur solche Fortschritte kann die Solidargemeinschaft mit gutem Gewissen finanzieren."

Die von ihr geforderten "nachweisbaren Verbesserungen" statt "leerer Versprechungen" sind aber schwer zu erbringen, solange die Studien nicht auf die entsprechenden Patientenzahlen kommen.

Versprechungen aus dem Internet

Auf ein weiteres Problem macht ein Positionspapier der Ersatzkassen zum Thema aufmerksam: Das unbekannte Ausmaß, das die Identifizierung von genetischen Krankheitsrisiken eine Tages haben wird. Neben den damit verbundenen Chancen könnten als Folge gesunde Menschen zu Kranken gemacht werden.

"Dies kann nicht notwendige Behandlungen mit entsprechenden Therapierisiken nach sich ziehen."Wie schwer der Begriff personalisierte Medizin wieder einzufangen sein wird, zeigt ein Blick auf einschlägige Seiten im Netz. Das Stichwort liefert in Suchmaschinen mehr als eine halbe Million Einträge. Darunter sind nicht nur Pharmaunternehmen oder Medien.

Auch der Deutsche Ethikrat informiert zum Thema. Seine Erklärung zu diesem Thema: "Menschen reagieren unterschiedlich auf Medikamente, auch wenn deren Wirksamkeit und Sicherheit in klinischen Studien zuvor nachgewiesen wurden. Die sogenannte individualisierte oder personalisierte Medizin will diese Unterschiede erfassen und bei der Behandlung und Prognose von Krankheiten berücksichtigen.

Auf diese Weise sollen Therapien an die individuellen, teilweise genetisch bedingten Merkmale der Krankheit angepasst und eine effektive Behandlung ermöglicht werden." Im Weiteren ist sogar von einer "maßgeschneiderten Medizin" die Rede, aber auch von den damit verbundenen Problemen.

Auch das Fraunhofer-Institut und Universitäten informieren mit dem Begriff personalisierte Medizin, das Bundesforschungsministerium spricht von individualisierter Medizin. Unter "Biomarkerbasierte Stratifizierung" ist im Internet viel weniger zu finden - ganze 8830 Einträge liefert Google.

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