Venöse Thromboembolie

Polypharmazie gefährdet Ältere

Bei älteren Patienten, die zur Rezidivprophylaxe einer venösen Thromboembolie einen Vitamin-K-Antagonisten erhalten, lohnt eine kritische Prüfung der Begleitmedikation. Je nach Zahl und Art besteht eine erhöhte Blutungswahrscheinlichkeit.

Von Beate Schumacher Veröffentlicht:
Bei älteren Patienten mit Polypharmazie inklusive Antikogulation kann das Blutungsrisikoerhöht sein.

Bei älteren Patienten mit Polypharmazie inklusive Antikogulation kann das Blutungsrisikoerhöht sein.

© Natalia Lukiyanova / iStock / Thinkstock

BERN. Eine im Alter häufige Polymedikation steigert das Blutungsrisiko von Patienten, die wegen einer akuten venösen Thromboembolie (VTE) für drei oder mehr Monate einen Vitamin-K-Antagonisten (VKA) einnehmen müssen.

In einer prospektiven Kohortenstudie hatten Patienten mit mindestens fünf verschiedenen Medikamenten ein um 83 Prozent erhöhtes Risiko für schwerwiegende und ein um 60 Prozent erhöhtes Risiko für nicht schwerwiegende, aber klinisch relevante Blutungen. Das berichten Ärzte um Waltraud Leiss von der Universität Bern (J Gen Intern Med 2014, online 21. August).

An der Studie hatten 830 Patienten im Alter ab 65 Jahren und unter VTE-Rezidivprophylaxe teilgenommen. Die Hälfte von ihnen (n = 413) wurde mit mehr als vier Medikamenten gleichzeitig behandelt.

Bei ihnen kam es während der mittleren Nachbeobachtungszeit von 18 Monaten signifikant häufiger zu Blutungskomplikationen als bei den Patienten mit weniger Medikamenten: Pro 100 Patientenjahre ereigneten sich 9,0 vs. 4,1 schwere Blutungen und 14,8 vs. 8,0 weitere klinisch relevante Blutungen.

Die Gefährdung durch die Polypharmazie zeigte sich auch dann noch, wenn andere bekannte Risikofaktoren für eine Blutung wie Alter, Lungenembolie, Krebserkrankung und Bluthochdruck berücksichtigt wurden (adjustiertes relatives Risiko:1,83 bzw. 1,60).

Blutungen häufiger sturzassoziiert

Zum Zeitpunkt der Blutung befand sich die INR (International Normalized Ratio) bei Polypharmazie-Patienten signifikant häufiger als bei den anderen Patienten im supertherapeutischen Bereich von über 3 (49,2 Prozent vs. 27,2 Prozent).

Die Gerinnungskontrollen über die gesamte Nachbeobachtungszeit ergaben jedoch keine solche Differenz. Leiss et al. spekulieren daher, dass es bei den Patienten mit Multimedikation schwieriger sein könnte, die INR auf einem stabilen Niveau zu halten.

Ein treibender Faktor für die höhere Blutungsrate unter Polypharmazie könnte den Schweizer Ärzten zufolge auch die Kotherapie mit Thrombozytenhemmern/NSAR gewesen sein. Sie stand bei 57,6 Prozent von ihnen auf dem Therapieplan, aber nur bei 22,1 Prozent der Patienten mit weniger als fünf Medikamenten.

Außerdem waren die Blutungen bei Patienten mit Multimedikation häufiger sturzassoziiert (4,8 vs. 1,6 pro 100 Patientenjahre). Hierzu könnten Medikamente beigetragen haben, die eine Sedierung oder orthostatische Hypotonie hervorrufen. Darüber hinaus ist Polypharmazie natürlich ein Marker für eine hohe Komorbidität. Diese ist bereits ein unabhängiger Prädiktor für schwere Blutungen.

Leiss und ihre Kollegen geben folgende Empfehlungen für ältere VTE-Patienten, die mit VKA und vielen Medikamenten behandelt werden:

- Die Qualität der Antikoagulation sollte engmaschig überwacht werden.

- Die Begleittherapie muss kritisch gesichtet werden. Wenn möglich, sollten Thrombozytenhemmer/NSAR und Medikamente, die mit VKA interagieren oder die Sturzneigung erhöhen, abgesetzt werden.

- Eine nicht vermeidbare Polypharmazie kann auch ein Argument sein, die Behandlung mit VKA nicht über drei Monate auszudehnen.

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