RKI-Experte: "Hausärzten fehlt oft die Erfahrung, Tuberkulose rasch zu erkennen"

Gibt es in Deutschland eine Trendwende bei Tuberkulose (TB)? Anlässlich des Welttuberkulosetags (24. März) warnt ein Experte des Robert Koch-Instituts im Interview: "Der Erfolg der Bemühungen gegen TB lässt nach."

Veröffentlicht:
Walter Haas vom Robert-Koch-Institut (RKI)

Walter Haas vom Robert-Koch-Institut (RKI)

© dpa

BERLIN (dpa). Vor 130 Jahren entdeckte und beschrieb der Berliner Mediziner Robert Koch den Erreger Mycobacterium tuberculosis und machte damit klar: Die Tuberkulose, die in Europa jahrhundertelang Todesopfer forderte, ist eine Infektionskrankheit. Bis heute ist sie einer der großen Killer der Menschheit.

Vor allem in Asien und im südlichen Afrika wütet der Erreger, aber auch in Osteuropa. In Deutschland, wo 2009 noch 4444 Erkrankungsfälle gemeldet wurden, warnen Experten wie davor, sich entspannt zurückzulehnen, da die Zahl der an Tuberkulose erkrankten Kinder steigt.

"Es zeigt sich ein deutlicher Trend", sagte Walter Haas vom Berliner Robert Koch-Institut (RKI) im dpa-Interview.

Frage: Ist Tuberkulose in Deutschland ein Problem?

Walter Haas: "In den vergangenen Jahren verzeichneten wir in Deutschland einen Rückgang der Neuerkrankungen von sechs bis acht Prozent im Jahr. Aber wir sehen auch, dass der Rückgang sich deutlich verlangsamt. Das heißt, der Erfolg der Bemühungen lässt nach.

Bei den Kindern haben wir nun im dritten Jahr in Folge sogar einen leichten Zuwachs. Die absoluten Zahlen sind zwar niedrig - 2010 waren es 158 - aber es zeigt sich ein deutlicher Trend."

Frage: Warum bereitet diese Entwicklung Sorgen?

Haas: "Kinder sind wichtige Indikatoren für die künftige Entwicklung der Tuberkulose. Während 90 Prozent der Erwachsenen, die sich mit dem Erreger angesteckt haben, niemals erkranken, entwickeln bis zu 40 Prozent der angesteckten Kinder eine Tuberkulose.

Insbesondere für Kleinkinder ist das Erkrankungsrisiko hoch. Und: Kinder erkranken früher, meist binnen eines Jahres nach Ansteckung. Bei Erwachsenen kann das Jahrzehnte dauern.

Wenn wir uns also zurücklehnen, könnte es eine Entwicklung wie in England geben, wo die Tuberkulose-Zahlen zuletzt deutlich anstiegen. Wir müssen also im Gegenteil die Anstrengungen verstärken, um den erreichten Stand in Deutschland zu halten."

Frage: Wie steht es um die Diagnose?

Haas: "Weil nicht jeder Hausarzt regelmäßig Patienten mit Tuberkulose betreut, fehlt oft die Erfahrung, um die Erkrankung rasch zu erkennen. Erwachsene stellen sich meist erst vor, wenn sie bereits über längere Zeit Beschwerden haben.

Die Symptome sind aber oft so diffus, dass nicht jeder Arzt an Tuberkulose denkt. Die Diagnose kann über eine Röntgenuntersuchung und den Nachweis des Erregers im abgehusteten Schleim - bei Kindern unter zehn Jahren im Magensaft - heute meist rasch gestellt werden."

Frage: Und die Therapie?

Haas: "Die Therapiequalität ist in Deutschland auch ein Thema. Studien haben gezeigt, dass zu viele Ärzte vom empfohlenen Medikamentenregime abweichen. Eine Kombination von mindestens vier verschiedenen Antibiotika muss regelmäßig und lange genug, in der Regel sechs Monate oder länger, genommen werden.

Vielen Patienten geht es nach wenigen Wochen aber so viel besser, dass sie einzelne Medikamente möglicherweise einfach absetzen. Es gibt bei der konsequenten Therapiedurchführung auch immer mehr Probleme durch Co-Erkrankungen, Alkohol- oder andere Suchtkrankheiten oder schwierige soziale Verhältnisse."

Frage: Warum ist eine Therapie ohne Stopps und Fehler so wichtig?

Haas: "Sonst bilden sich Resistenzen, die den Erreger gegen die Medikamente unempfindlich machen. Schon jetzt gibt es in rund 13 Prozent der Fälle Resistenzen gegen mindestens ein Antibiotikum, das dann nicht mehr wirkt.

Knapp zwei Prozent der Erreger sind bereits multiresistent, sind unempfindlich gegen die zwei wichtigsten Tuberkulosemedikamente."

Mehr zum Thema

Zum Welttuberkulosetag

Neue S3-Leitlinie: Mehr Struktur fürs Tuberkulose-Screening

Das könnte Sie auch interessieren
Überzeugende Real-World-Daten zur Langzeitprophylaxe

© AndreasReh, Ljupco, tinydevil, shapecharge | istock

rHWI

Überzeugende Real-World-Daten zur Langzeitprophylaxe

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Antibiotikum mit antimykotischen Zusatznutzen

© Dr_Microbe | Adobe Stock

In vitro-Studien

Antibiotikum mit antimykotischen Zusatznutzen

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Therapie bei unkomplizierter Zystitis

© Dr_Microbe | Adobe Stock

Evidenz, Resistenz & Wirksamkeit

Therapie bei unkomplizierter Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

© Matt LaVigne | iStock

Neue in-vitro-Daten

DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

© Irina Esau | Getty Images/iStockphoto

Fokus: Integrität der Haut

Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

© Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Tietz

Pilzinfektion Kopfhaut

Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: AIO-KRK-0424/ass-Registerstudie: Leitlinienadhärenz

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [5]

BRAFV600E-mutiertes mCRC nach systemischer Vortherapie

Registerstudie weist auf Defizite in der Umsetzung der Leitlinienempfehlungen hin

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Pierre Fabre Pharma GmbH, Freiburg
Abb. 1: Mittlere Veränderung des DAS28-CRP bis Woche 52 gegenüber Ausgangswert (primärer Wirksamkeitsendpunkt)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Anti-TNF-Therapie

Erstes Golimumab-Biosimilar erweitert Therapiespielräume bei RA, PsA, axSpA und pJIA

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Advanz Pharma GmbH, München
Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

© Oleh / stock.adobe.com

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Lilly Deutschland GmbH, Bad Homburg v.d.H.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Muskuloskelettale Erkrankungen

Was bringt Kinesiotaping?

Asthma, COPD und Co.

Acht Fehler bei der Inhalationstherapie – und wie es richtig geht

Lesetipps
Ein Kardiologe verwendet einen Schlauch für die Radiofrequenzkatheterablation eines Patienten mit Vorhofflimmern.

© romaset / stock.adobe.com

Nach Katheterablation

Kontrolle von Risikofaktoren schützt vor Vorhofflimmern-Rezidiven

Eine Blutprobe zur Bestimmung von vier kardiovakulären Schlüsselmarkern.

© Henrik Dolle / stock.adobe.com

Verdacht auf Myokardinfarkt

Wenn erhöhte Troponine täuschen und es kein Herzinfarkt ist

Diabetischer Fuß mit Ulkus

© Brauer / stock.adobe.com

Innovative Therapieansätze

Mit Fischhaut gegen den diabetischen Fuß